Montag, 26. November 2007

1590: Ein Kornkreis im Hexenprozess - Das bislang älteste Kornkreis-Dokument

Ein Artikel von Andreas Müller
Das erste Dokument, welches eine Phänomen beschreibt, das wir heutzutage zweifelsohne als „Kornkreis“ bezeichnen würden, stammt aus dem Jahre 1590 und dokumentiert die Hintergründe zahlreicher Hexenprozesse im ehemaligen Großherzogtum Lothringen im heutigen Frankreich.

Deckblatt: „Das Vierzehnde Capitel“ der „Dæmonolatria“ von Nicolas Rémy aus dem Jahre 1590

Bis vor kurzem war die Geschichte um den vermeintlichen Kornkreisbericht aus dem Jahre 1590 mehr oder weniger ein immer wieder aufgegriffenes Gerücht. Dies lag vor allem daran, dass zahlreiche Autoren diese Geschichte immer wieder zitierten, ohne sich dabei auf die Originalquelle zu berufen. Das Problem bestand des Weiteren darin, dass selbst die dann zitierten Quellen, etwa eine aus dem 18. Jahrhundert, die Originalquelle selbst nicht kannten oder diese teilweise falsch zitierten und ausschmückten.

So kam es, dass Fakten immer mehr verschwammen und selbst aus der Ortsangabe eine völlig andere als im Originaltext angegeben wurde und selbst Kornkreisforscher jahrelang davon ausgingen, dass sich diese Kornkreisgeschichte im holländischen Assen, in der heutigen Provinz Drente zugetragen haben soll.

Bei meinen Recherchen zu anderen historischen Kornkreisfällen stieß ich 2004 dann mehr oder weniger aus Zufall tatsächlich auf die wirkliche Originalquelle.

Der Originalbericht findet sich in einer Schrift mit dem Titel „Dæmonolatria“ von Nicolas Rémy aus dem Jahre 1590, die kurze Zeit später auch schon in einer deutschen Übersetzung mit dem Titel „Von Unholden und Zaubergeistern“ erschien. Rémy war von 1576 bis 1591 Schöffe am „Change“, dem Schöffengericht in Nancy, und später „Proceur Général“ (vergleichbar dem Generalstaatsanwalt) im Großherzogtum Lothringen und rühmte sich im Titel der Schrift in seinen in Jahren in Nancy über 800 Hexen auf den Scheiterhaufen gebracht zu haben.

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Das „Vierzehnde Capitel“ beschreibt den Fall der des Langen Bernhards Nicolea. Diese gab an, am 24. Juli 1590 eine Gruppe von Männern, Weibern und bockshufigen Wesen in einem Getreidefeld zwischen Gürmingen und Assenuncuriam, den heutigen Guermange und Assenoncourt (Essesdorf), nahe Sarrebourg in der französischen Region Lorraine im Departement Moselle, (und nicht wie irrtümlich angenommen in niederländischen Assen) beim hexentypischen Kreistanz beobachtet zu haben. Als sie, von Furcht ergriffen, den Namen Jesu ausrief, soll diese Gesellschaft auseinandergeflogen sein, bis auf Peter Großpeter, der dabei von seinem Flugbesen gefallen sei. Derart vor Gericht als Hexer „verschrien“ klagte nun Großpeter seinerseits weitere Dorfbewohner an, so etwa Barbellia, die Ehefrau des Johannis Latomi, und die Frau des Oberbürgermeisters Laurentius.

Der heutige Ortseingang von Assenoncourt im französischen Departement Moselle | Copyright: Andreas Müller

Diese wiederum verschrien daraufhin den Hirten Johannes Michael und unterstellten, dieser habe auf seinem Hirtenstabe gleich einer Flöte der teuflischen Gesellschaft zum Tanz gespielt. Als der Name Jesu die teuflische Gesellschaft dann jedoch bannte, soll dieser von der Eiche, auf der er gesessen haben soll, gefallen und von einem Wirbelwind gepackt, zurück zu seinen Schafen auf die Weiler-Wiesen getragen worden sein. Unter dem peinlichen Verhör, also der Folterprozedur, gestanden dann auch alle Angeklagten die teilweise absurden Anklagen.

Nun war Rémy trotz seiner harten Art jedoch auch ein Gegner des geschwätzhaften Verschreiens von Personen und bestand ausdrücklich darauf, dass auch nur jene Hexen verurteilt werden durften, deren Schuld auch eindeutig erwiesen sei. Nach dieser Vorgabe liefern in diesem Fall nicht nur die Aussagen der unterschiedlichen Angeklagten, sondern auch eine merkwürdige Entdeckung vor Ort den zu erbringenden Beweis, wenn es da heißt, dass: „(...) sich endlich ein gewisses Wahrzeichen gefunden (habe). Nämlich dass an dem Ort, da sie getanzet hatten, sich des folgenden Tages ein runder, getretener Kreis mit ausdrücklichen Geiß- und Kuhhufstapfen, gleich denen darauf man Pferde abrichtet, gefunden hatte. Diese Mahlstätte war geblieben, bis man den Acker wiederum im Winter umgeackert hat. Dies haben bezeugt Nickel Klein, Difiderius Veruxes, Caspar Sutor und alle welche bei Zeiten zu derselbigen Stätt geführt und nochmals vom Richter derhalben sind examiniert worden. (...)“

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Doch wie ist all dies nun im Kontext der Kornkreise zu bewerten?
Zum einen handelt es sich zweifelsohne um das bisher älteste Dokument, das eindeutig einen runden, niedergelegten Kreis in einem Getreidefeld erwähnt. Über Qualität und Ursache des Kreises beinhaltet der Text kaum glaubhafte oder aufschlussreiche Inhalte. Es kann wohl ausgeschlossen werden, dass der Kreis tatsächlich durch des Mittags in einem Feld hexentypisch tanzende Menschen verursacht wurde – wie riskant und lebensgefährlich solch unachtsames Praktizieren heidnischer Rituale, besonders zur damaligen Zeit, der Zeit der großen Hexenverfolgung in Lothringen und ganz Europa, war, zeigt der Kontext der Schilderung nur allzu deutlich. Noch weniger glaubhaft ist die Aussage der Zeugin Nicolea, in der Gesellschaft hätten sich kuhfüßige Menschen, also Satyre oder tatsächliche Belzebuben, befunden.

Auch die später eingestandenen Begleitumstände, wie etwa das Davonfliegen der Gesellschaft beim Anrufen Jesu, der vom Flugbesen gefallene Großpeter und der auf seinem Hirtenstabe aufspielende Hirte Michael, bezeugen offensichtlich viel weniger Tatsachen, sondern vielmehr klischeehafte zeitgenössische Vorstellungen von Hexenpraktiken und dem Erscheinungsbild des Teufels. Vielmehr stellt sich uns ein nahezu klassischer Fall von Hexenwahn, Verschreiung und Anklage, peinlichem Verhör und Aburteilung dar. In diesem wird einem Mann von einer Frau Hexenzauber und Teufelspakt vorgeworfen. In der Hoffnung sich zu entlasten, verschreit dieser wiederum weitere Dorfbewohner, sogar bis hin zur Frau des Bürgermeisters, welche wiederum andere - den Hirten Michael - verschreien, usw.

Blick über die Feldwege heutigen Feldwege zwischen Assenoncourt und Guermange. Noch immer prägen Felder und Wiesen die Landschaft | Copyright: Andreas Müller

Der einzige "faktische" Inhalt scheint sich auf die Entdeckung des Kreises im Feld zu reduzieren, welcher bei mehreren Ortsterminen von unterschiedlichen Personen bezeugt wird und auch bis zum Umackern des Feldes sichtbar war. Neben der Tatsache, dass dieser niedergetreten erschien, das Getreide also zu Boden lag, jedoch nicht geschnitten war, wird zudem beschrieben, dass im Innern deutliche Hufabdrücke im Boden zu sehen waren. Was die damaligen Zeugen wirklich vor sich hatten, als sie von diesen Abdrücken sprachen, ist heute nicht mehr zu definieren. Ebenso sollte der Benennung als „getretener“ Kreis mit Vorsicht begegnet werden, da sich ein derartiger Kreis natürlich jedem Laien als „getreten“ offenbart haben musste, besonders und gerade im Kontext der Anklage, die schließlich von einem „Hexen-Tanz-Platz“ und nichts anderem ausging. Auch heute lassen sich betroffene Bauern immer wieder zu dem Ausspruch leiten, ihr Kornkreis müsse wohl von der Dorfjugend gemacht worden sein, ganz egal, ob dies zutrifft oder nicht. Vergleicht man andere zeitgenössische Berichte über derartige Tanzplätze, so fällt auf, dass diese hingegen nahezu nie in Getreidefeldern angesiedelt sind.
 
Was bleibt, ist zum einen die Möglichkeit, dass es sich tatsächlich um die Hinterlassenschaft unvorsichtiger Heidentänzer, ungewohnter Weise in einem Getreidefeld, oder um einen von huffüßigen Wildtieren verursachten, kreisförmigen Schaden gehandelt hatte, der den Angeklagten zum Verhängnis wurde - oder etwa doch um den ersten, durch ein Zeitdokument belegten Kornkreis?


Über den Autor:
Andreas Müller beschäftigt sich seit 1993 intensiv mit der Dokumentation und Erforschung der Kornkreise. Seither zahlreiche beratende Tätigkeiten zum Thema für internationale Rundfunk-, TV- und Printmedien sowie regelmäßige Veröffentlichungen in Fachzeitschriften und im Internet. 1994 gründete er „ICCA – The International Crop Circle Archive“, das als eines der umfangreichsten Archive zum Thema gilt. Sein erstes Buch "KORNKREISE – Geometrie, Phänomene, Forschung“ erschien 2001. 2003 erhielt er für seine Forschungsarbeit den „Hedri-Preis“ der Dr. Andreas Hedri Stiftung an der Universität Bern. 2005 erschien sein aktuelles Buch "PHÄNOMEN KORNKREISE - Forschung zwischen Volksüberlieferung, Grenz- und Naturwissenschaft". Im Mai 2007 erschien bei DuMont der Autorenkalender "Kornkreise 2008". Zwei weitere Sachbücher und der Kalender für 2009 zum Thema sind derzeit in Arbeit. Auf seiner Homepage www.kornkreise-forschung.de informiert er regelmäßig über den Stand der Kornkreisforschung.

Quelle: kornkreise-forschung.de / grenzwissenschaft-aktuell.de

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