Samstag, 15. Dezember 2007

Kornkreise anno 1678? - „The Mowing Devil“

Ein Artikel von Andreas Müller

Ein Pamphlet aus dem 17. Jahrhundert beschreibt mysteriöse Ereignisse im Sommer des Jahres 1678. Kornkreisforscher zählen es zu den frühesten Dokumenten die zeigen, dass das Phänomen der Kornkreise bereits Jahrhunderte alt, und nicht erst ein Produkt unserer mediengeprägten Zeit ist.

Die Flugschrift „The Mowing Devil“ von 1678

Wir befinden uns im Jahre 1678 auf einem Feld irgendwo in der englischen Grafschaft Hertfordshire. Zwischen einem reichen Großbauern und einem armen Schnitter kommt es zum Streit über die Höhe des Lohnes, den der Schnitter für das Mähen eines Haferfeldes fordert. Dem Bauern ist diese Forderung viel zu hoch, und verärgert beendet er den Streit mit den Worten, dass es doch nun eher der Teufel selbst mähen solle.

Vielleicht hätte er sich seine Worte gründlicher überlegen sollen - denn mitten in der Nacht leuchtet das Feld plötzlich „als stünde es in Flammen“. Am nächsten Morgen liegen die Halme so sorgfältig nebeneinander zu Boden - ein Halm exakt neben dem anderen - wie dies nur „einem höllischen Geist oder gar dem Teufel selbst“ möglich gewesen wäre. Und genau dieser soll es auch gewesen sein, der auch dieses Feld in der „ihm üblichen Art und Weise – in runden Kreisen - gemäht“ hatte. Als der reiche Bauer sein Feld am nächsten Morgen erschrocken inspiziert, kann auch er sich keinen Reim darauf machen und versucht, das niederliegende Getreide schnell einzubringen. Doch war es ihm nicht möglich, die Haferpflanzen aufzuheben.

So schildert es ein historisches Pamphlet, eine Flugschrift mit dem Titel „The Mowing Devil“ (Der Mähende Teufel). Dieses ist datiert auf den August des Jahres 1678. Illustriert ist die Flugschrift mit einem kleinen Holzschnitt. Dieser zeigt denn auch den Teufel selbst beim Kreismähen. Kaum ein Betrachter kann sich beim Anblick dieser Darstellung Assoziationen mit dem heutigen Phänomen der Kornkreise entziehen. Handelt es sich also um eines der ältesten Dokumente, welches derartige Phänomen schon im 17 Jahrhundert belegt?

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Ein Blick in die Kornkreis-Archive zeigt, dass jene Phänomene, die wir heute Kornkreise nennen, schon seit Jahrhunderten beobachtet werden und auch schon zuvor dokumentiert wurden: Rund um den Globus finden sich zahlreiche Kreis-Beschreibungen in Märchen und Legenden der verschiedenen Völker. Ein erstes Dokument beschreibt zudem einen Kornkreis als Beweisgegenstand in einem Hexenprozess in Lothringen anno 1590 – also schon 88 Jahre vor den niedergeschriebenen Ereignissen in Hertfordshire. Doch spätestens am „Mähenden Teufel“ scheiden sich die Geister.

Skeptiker bezweifeln zwar nicht die Existenz und Authentizität dieses historischen Dokumentes, welches noch in späteren Jahren immer wieder reproduziert wurde, doch sie sehen darin keinen zwingenden Nachweis für einen historischen Kornkreis. Für die meisten Vertreter dieser Position erübrigt sich diese Frage schon mit dem Titel. Besagt dieser doch eindeutig, dass der Teufel das Getreide nicht kornkreistypisch niedergelegt, sondern gemäht, also geschnitten habe. Auch die Illustration zeige schließlich den Teufel beim Mähen, also Schneiden mit der Sense. Kornkreisforscher halten dieser Position entgegen, dass selbst heutzutage Menschen beim Anblick von Kornkreisen glauben, es handele sich um gemähte Flächen. Warum also nicht auch ein solches Missverständnis im Jahre 1678?

Doch noch mehr Aussagekraft sehen die Forscher in der Anmerkung, der Bauer hätte das betroffene Getreide trotz aller Mühe nicht einbringen können. Waren die Halme also gar nicht geschnitten, sondern nur niedergelegt und noch im Erdreich verwurzelt? Auch die Beschreibung der präzisen Lage jeder einzelnen Haferpflanze neben der anderen spricht, so die Forscher, gegen die reine Beschreibung gewöhnlich gemähter Flächen.

Klassischer Kornkreis aus dem Jahr 1987 | Copyright: C. Andrews / B. Taylor

Die Aussage, das Feld habe des Nachts geleuchtet, „als stünde es in Flammen“, vergleichen die Kornkreisforscher mit den zahlreich beobachteten und zudem gut dokumentierten Lichtphänomenen über heutigen Kornkreisen. Tatsächlich sind keine Berichte historischer oder noch heute gewöhnlicher Mäharbeiten bekannt, welche dieses Detail aufzeigen.

Die Skeptiker wiederum stellen heraus, dass auch die Flugschrift vom „Mähenden Teufel“ die gleichen stilistischen wie literarischen Konzepte aufzeigt, wie nahezu alle derartig zeitgenössischer Pamphlete. In der Tat handelten die meisten dieser „frühen Zeitungen“ von vermeintlich ungewöhnlichen Ereignissen, denn nur diese waren schließlich auch den Aufwand der Produktion wert und fanden so eine breite Leserschaft. Zudem wurden die Inhalte zweifelsohne ausgeschmückt und dramatisiert – heute würde man wohl von Sensationsjournalismus sprechen.

Doch war dies nicht der alleinige Sinn solcher Flugschriften. Den Verfassern ging es oft darum, in den so verbreiteten Geschichten – ob sie nun wahr oder erfunden waren – soziale Gesellschaftskritik zu verbergen. Und so wird die Geschichte um den „Mähenden Teufel“ schnell zum Gleichnis über die vorherrschenden Missstände zwischen Reich und Arm, zwischen Adel, den Großgrundbesitzern und dem in deren Abhängigkeit stehenden einfachen und meist verarmten Volk. Dass es letztlich denn auch der reiche Großbauer ist, der den Kürzeren zieht und den Schaden hat, versteht sich als Moral von der Geschicht’ von selbst.

Unser Web-Tipp:
Aktuelle Informationen zum Stand der Kornkreisforschung
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Viele Forscher überzeugt das jedoch nicht. Auch wenn die beschriebenen Qualitäten und Eigenschaften solcher Flugschriften unbestritten sind, ist es doch erstaunlich, wie genau eine angeblich frei erfundene oder zumindest phantastische ausgeschmückte, fast 400 Jahre alte Geschichte derartig zu jenen Erscheinungen passt, die wir heute Kornkreise nennen? Zu viele angeblich zufällige Übereinstimmungen, sagen die Kornkreisforscher.

Interessanterweise gibt es jedoch auch einen mythologischen Verwandten des Mähenden Teufels. Dieser findet sich beispielsweise als „Fenoderee“ auf der Insel Man. Hierbei handelt es sich um eine Sagengestalt, welche nicht nur Ähnlichkeiten mit dem „Mähenden Teufel“ aufweist, sondern auch als „behänder Mäher“ immer wieder mit kugelförmigen Lichtphänomenen und alten heiligen Orten assoziiert wird. Zudem werden ihm in den alten Erzählungen kreisrunde Hinterlassenschaften in Feldern und Wiesen zugesprochen.

Selbst die Brüder Grimm beschrieben in ihren „Irischen Elfenmärchen“ auch so genannte „Elfenkreise“ und eine Verbindung zum „Behänden Mäher“ auf Man: „Kreise, die sie in das tauige Gras getreten, erblickt man außer in Schottland auch in Skandinavien und Norddeutschland und jeder ruft bei ihrem Anblick „Da haben die Elfen getanzt!“ Auf der Insel Man zeigten sich sogar die Spuren ihrer zarten Fußtritte im Schnee.“

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Letztlich vertreten die meisten Kornkreisforscher den Standpunkt, dass es sich bei der Flugschrift des „Mähenden Teufels“ zwar nicht um einen zweifelsfreien Beweis für derartig alte Kornkreise handele, jedoch zumindest um ein sehr bildhaftes Indiz in einer langen Reihe von Beweisen und Hinweisen für historische Kornkreise und deren zeitgenössische Interpretationen. Die Diskussion zwischen den Vertretern der beiden Lager dauert derweil an.

Über den Autor:
Andreas Müller beschäftigt sich seit 1993 intensiv mit der Dokumentation und Erforschung der Kornkreise. Seither zahlreiche beratende Tätigkeiten zum Thema für internationale Rundfunk-, TV- und Printmedien sowie regelmäßige Veröffentlichungen in Fachzeitschriften und im Internet. 1994 gründete er „ICCA – The International Crop Circle Archive“, das als eines der umfangreichsten Archive zum Thema gilt. Sein erstes Buch "KORNKREISE – Geometrie, Phänomene, Forschung“ erschien 2001. 2003 erhielt er für seine Forschungsarbeit den „Hedri-Preis“ der Dr. Andreas Hedri Stiftung an der Universität Bern. 2005 erschien sein aktuelles Buch "PHÄNOMEN KORNKREISE - Forschung zwischen Volksüberlieferung, Grenz- und Naturwissenschaft". Im Mai 2007 erschien bei DuMont der Autorenkalender "Kornkreise 2008". Zwei weitere Sachbücher und der Kalender für 2009 zum Thema sind derzeit in Arbeit. Auf seiner Homepage www.kornkreise-forschung.de informiert er regelmäßig über den Stand der Kornkreisforschung.

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