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Dienstag, 12. Mai 2009

Interview: Sonnenforscher Dr. David Hathaway zur derzeit ruhigen Sonne, den Auswirkungen auf den Klimawandel und 2012


Dr. David Hathaway


Im Interview mit der US-amerikanischen Journalistin Linda Moulton Howe (earthfiles.com), das wir Ihnen hiermit mit freundlicher Genehmigung der Autorin exklusiv in deutscher Übersetzung präsentieren, äußert sich Dr. David Hathaway (s. Abb. l.), seines Zeichens Forschungsleiter für Sonnenphysik am Marshall Space Flight Center der NASA, zur derzeit ungewöhnlich niedrigen Sonnenfleckenaktivität, möglichen Auswirkungen und dem bislang erwarteten und von einigen befürchteten Aktivitätsmaximum der Sonne um das Jahr 2012.

Dr. Hathaway, kann es nach einem derartig langen Minimum der Sonnenaktivität, wie wir es derzeit erleben, überhaupt noch zu einem extremen solaren Maximum 2011-2012 kommen?

Meiner Ansicht nach fand das vorangegangene Minimum im September 1996 statt. Wir erreichen also bald 13 Jahre zwischen dem damaligen und dem heutigen immer noch andauernden Minimum und das ist deutlich länger, als der normale Durchschnittswert dieser Zyklen von rund 11 Jahren. (...) Somit wäre das aktuelle Minimum dann schon länger als der bisherige Rekordhalter des vergangenen Jahrhunderts mit 12,5 Jahren von 1901 bis 1913. Das letzte 14-jährige Minimum dauerte von 1785 bis 1800 (Sonnenfleckenzyklus 4). Sollte die Sonne also noch im Januar 2010 ruhig sein, hätten wir auch dieses Niveau erreicht.

Ein typischer Zyklus dauert rund 11 Jahre, hat aber eine mögliche Variation von etwa 14 Monaten. Rund 66 Prozent aller Sonnenfleckenzyklen dauerten zwischen 10 und 12 Jahre. Wenn wir also Zyklen von mehr als 12 Jahren haben, ist das schon eine Seltenheit. Nähern wir uns einem 14 Jahre dauernden Zyklus, wäre das schon sehr außergewöhnlich.

Heute, Frühjahr 2009, wissen die Sonnenphysiker immer noch nicht, warum die Sonne eine derartige lange Periode ruhiger Aktivität aufzeigt?


Ich glaube nicht, dass wir ehrlich behaupten können zu wissen, was das so genannte Maunderminimum (Anm. d. Red.: Eine besonders lange Periode stark verringerter Sonnenfleckenaktivität in den Jahren zwischen 1645 und 1715, die mit den kältesten Jahren - der sog. Kleinen Eiszeit - zusammen fiel, während der zumindest in Europa, Nordamerika und China viele sehr kalte Winter auftraten.) oder lange Minima hervorruft. Es gibt aber nur wenig Zweifel daran, dass es etwas mit dem Fluss innerhalb der Sonne und der Stärke und Ausrichtung ihrer magnetischen Felder zu tun hat. Was genau, wissen wir bislang jedoch noch nicht.

400 Jahre Sonnenflecken-Beobachtung | Copyright: Global Warming Art/GNU FDL

Würden Sie auf einen bestimmten Zeitpunkt wetten, an dem es neue Sonnenflecken geben wird?

Eine solche Wette habe ich bereits vor zwei Jahren verloren, als ich mich 2006 auf ein von mir verwendetes Computermodell zur geomagnetischen Aktivität der Sonne verlassen habe. Ich habe also gewettet, wann der erste Sonnenfleck des neuen Zyklus erscheinen würde und lag ziemlich falsch, als dieser erst 2008 erschien. Ich musste also für alle Kollegen eine Party schmeißen.

Mal abgesehen von der verlorenen Wette, wann sagt ihnen ihr intuitives Gefühl, werden wir wieder gehäuft Sonnenflecken sehen?

Nun, im vergangen Herbst haben wieder Sonnenflecken gesehen. Was mich jedoch verwirrt, ist die Tatsache, dass diese Aktivität wieder fast zum Erliegen gekommen ist. Der neuen Zyklus schien damals begonnen zu haben und es sah so aus, als markiere der August 2008 das Minimum. Dann ging jedoch der September ins Land, gefolgt von Oktober, November und die Zahl der Sonnenflecken stieg langsam an. Alles lief also nach Plan. Doch dann kam die Aktivität im Dezember wieder ganz plötzlich zum Erliegen. Seit Dezember 2008, über Januar 2009, Februar, März und April fragen wir uns also, wo die Sonnenflecken geblieben sind und was passiert ist. Eigentlich sollten sich mehr und mehr Flecken zeigen. Ich glaube, die durchschnittliche Anzahl im März 2009 lag bei 0,7-1,5; dabei sollten wir eigentlich derzeit durchschnittlich bis zu zehn Sonnenflecken pro Tag sehen. Eigentlich sollte die Sonne nun jeden Tag neue Aktivität zeigen, aber wie schauen und schauen und sehen immer nur eine gänzlich blanke Sonne.

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Gibt es einen allgemeinen Konsens unter Sonnenforschern zur aktuellen ruhigen Sonne?

Unter Kollegen wird die Möglichkeit diskutiert, dass wir einem so genannten Großen Minimum, möglicherweise ähnlich dem Maunderminimum, entgegen gehen, als ganze 70 Jahre keinerlei Sonnenflecken zu sehen waren.

Sonneflecken im vergleich zur Erde (s. Pfeil) | Copyright: Public Domain

Wenn wir uns tatsächlich in einem zweiten Maunderminimum befinden, welche Auswirkung hätte dies auf das Erdklima?

Die meisten Hinweise deuten darauf, dass Treibhausgase und im Besonderen CO2 eine deutlich größere Rolle für das Erdklima spielen, als die Sonne selbst. Die meisten meiner Kollegen sind an derartigen Untersuchungen beteiligt und stimmen darin überein, dass selbst wenn die Sonne in ein großes Minimum eintritt, dieser Umstand die Erderwärmung durch die Treibhausgase nicht ausgleichen wird.

Kurzum, ich glaube also nicht dass uns ein Großes Minimum vor den klimatischen Folgen unserer Kilmavergiftung durch Industrieabgaben der vergangenen 50 bis 100 Jahre bewahren kann. Trotz starker und schwächerer Sonnenaktivitäten steigen die Temperaturen auf der Erde seit 1800 kontinuierlich. Ironischerweise würde uns also die Treibhausgasschicht sogar vor einer klimatischen Abkühlung durch den Effekt eines Großen Minimums bewahren. Ein weiteres Maunderminimum würde vielleicht den Anstieg der Temperaturen etwas verlangsamen, diesen Trend aber nicht gänzlich aufhalten. Auf der anderen Seite könnte uns gerade die Klimaerwärmung durch die Treibhausgase vor einer kleinen Eiszeit (wie während des Maunderminimums) schützen. Das finde ich ebenfalls ein wenig ironisch.

Könnte sich ein langes Minimum trotzdem immer noch zu einem wirklich großen Maximum zwischen 2011 und 2012 entwickeln?

Ich persönlich bezweifele dies momentan sehr. Es könnte sein, dass wir derzeit auf einen kleinen, ruhigen Zyklus und nicht unbedingt auf ein Großes Minimum zulaufen, wer weiß das schon? Ich bin eine ganze Anzahl verschiedenster Vorhersage-Modelle durchgegangen und die besten Methoden deuten nun alle darauf hin, dass der aktuelle Zyklus selbst in seinem Maximum eher ruhig ausfällt (...wir berichteten). Zwar gibt es noch einige Modelle, die immer noch das Gegenteil vorhersagen, aber ich glaube, dass deren Vertreter sich langsam Sorgen machen sollten. (...) Alle Indikatoren, die bezüglich der vergangene drei Zyklen eine erfolgreiche Vorhersage ermöglichten, deuten nun darauf hin, dass Nummer 24 kein starker Zyklus werden wird. Normalerweise ist es relativ einfach: Je länger ein Zyklus andauert, um so schwächer wird der darauf folgende Zyklus und normalerweise folgen ruhigen Minima auch kleine, ruhige Zyklen - normalerweise, nicht immer.

Wichtiger ist jedoch die geomagnetische Aktivität. Normalerweise steht diese zum Ende des vorherigen Zyklus mit der Stärke des kommenden Zyklus in Verbindung. Die Stärke der solaren Magnetfelder an den Polen ist es - so glauben wir - welche die folgenden Sonnenfleckenzyklen antreiben. Auch diese sind nur halb so stark wie bei den vorangegangenen drei bis vier Zyklen. Auch dies deutet also darauf hin, dass wir einem eher ruhigen Zyklus entgegengehen. (...) Zum jetzigen Zeitpunkt wäre ich also sehr überrascht, wenn wir schlussendlich doch noch einen wesentlich stärkeren Anstieg zwischen 2012 und 2013 bekommen (...)

Wäre ein erneutes Maunderminimum für Sonnenforscher nicht schrecklich langweilig?

Was die Sonnenaktivität anbetrifft, natürlich (scherzend). Aber ernsthaft: Wenn wir ein Großes Minimum erleben würden, wäre es sehr interessant herauszufinden, warum das so ist. Was ist in der Sonne passiert?
Gerade da wir seit rund 50 Jahren über mehr wissenschaftliche Sonnenbeobachtungsinstrumente verfügen als je zuvor, sollten wir das doch eigentlich wissen. Anhand unserer Sonden und Messverfahren können wir das Innere der Sonne untersuchen und erforschen, um hier zu sehen, wie sich die Partikel- und Energieflüsse verändern. Besser als je zuvor sollten wir in der Lage sein, genau zu sagen, was im Innern der Sonne und auf ihrer Oberfläche vorgeht, da diese die inneren Vorgänge widerspiegelt.

Die derzeitigen schwachen Felder sind aber nur sehr schwer zu erklären. Es hat fast den Anschein, als hätten wir etwas übersehen und es wird sehr interessant herauszufinden, um was es sich dabei handelt.

Sie sind also wirklich verwirrt?

Ja, ich denke, das kann man so sagen. Ich bin verwirrt und das bedeutet, dass ich eine ganze Menge an Arbeit vor mir habe (...)

Bedeutet all das, dass wir während des Zyklus 24 keine Eruptionen der Klasse X-40 erleben werden, wie sie sich noch im vergangen Zyklus (23) ereigneten?

Oh, das kann man so nicht sagen! Alles was es dazu braucht, ist ein wirklich wütender Sonnenfleck. Je mehr Sonnenflecken es also gibt, desto größer ist zwar die Chance einer derart große Eruption. Aber so etwas kann auch während eines schwachen Zyklus passieren. Diesbezüglich ist es interessant, dass es während der vergangenen drei Zyklen alle Minima chromosphärische Eruptionen (Flares) der (stärksten) Klasse X gab. Wenige Sonnenflecken schließen also große Eruptionen nicht aus - sie verringern lediglich deren Wahrscheinlichkeit. (...) Und je nachdem, in welchem Winkel eine solche Eruption von der Sonne in Richtung Erde ausgeht, kann diese dann auch negative Auswirkungen für die irdischen technologie- und Kommunikationsnetzwerke haben (...wir berichteten).

Die große Frage ist allerdings: Kann ein solches Ereignis auch eintreten, wenn es überhaupt keine Sonnenflecken gibt? Nach allem was wir wissen, bedarf es Sonneflecken.

Archiv: Solarer Flare der Klasse X9 am 5.12.2006 | Copyright: NASA/NOAA

Es gibt also keinen Grund für die Menschen besorgt zu sein?

Nein. Es wurde eine ganze Menge über den Zeitpunkt der Wintersonnenwende 2012 geredet und ich denke, der Hauptgrund liegt im Ende des Maya-Kalenders. Diesbezüglich glaube ich, dass dieser Umstand eher ein Problem für jene Leute sein wird, die den Maya-Kalender erdacht haben. Ich persönlich bin kein bisschen beunruhigt. Dieser Tag wird kommen und vergehen und wir werden am darauf folgenden Morgen aufstehen und sehen, dass auch die Sonne wieder aufgegangen ist - mit oder ohne Sonnenflecken. Hoffentlich mit einer ganzen Mengen Flecken (lacht).

Das Originalinterview in englischer Sprache finden Sie HIER


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Neue Vorhersage: Schwächster Sonnenzyklus seit 1928?
11. Mai 2009

Sonnensturm 2012: NASA-Studie über soziale und ökonomische Auswirkungen einer Super-Sonneneruption
23. Januar 2009

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Quellen: earthfiles.com / grenzwissenschaft-aktuell.de
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