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Mittwoch, 20. Oktober 2010

Studie: Gewaltverherrlichende Medien desensibilisieren Teenager und fördern aggressives Verhalten

Archiv: Japanische Jugendliche warten vor den Kabinen eines Ego-Shooter-Videospiels | Copyright: Micha L. Rieser / GNU FDL

Bethesda/ USA - TV-Serien, Filme und Videospiele mit gewaltverherrlichendem Inhalt können gerade, aber nicht nur, Teenager desensibilisieren und fördern zudem aggressives Verhalten. Zu diesem Schluss kommt eine US-Studie und liefert erstmals die neurologischen Grundlagen für das bereits zuvor festgestellte gesellschaftliche Phänomen.

Wie die Forscher um Dr. Jordan Grafman vom "National Institute of Neurological Disorders and Stroke" am US-amerikanischen "National Institutes of Health" online im "Social Cognitive and Affective Neuroscience" berichten, hatten schon frühere Studien hatten belegt, dass der Konsum gewaltverherrlichenden Fernsehens, entsprechender Filme und Videospiele Menschen aggressiv machen und gegenüber tatsächlicher Gewalt im wirklichen Leben desensibilisieren kann.

In welchem Maße sich derartige Medien entsprechend auswirken, galt bislang als nur wenig verstanden. "Besonders wichtig ist ein solches Verständnis jedoch gerade, wenn es um Menschen im Jugendalter geht, da sich in dieser Zeit gerade auch jene Hirnregionen prägend verändern, wie sie für die Kontrolle von Emotionen, unser emotionales Verhalten und unsere Reaktion auf äußerliche Ereignisse kontrollieren", erläutert Grafman.

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Die Studie untersuchte 22 Jungen im Alter von 14-17 Jahren, denen kurze Ausschnitte aus 60 gewalthaltigen Videos gezeigt wurden. Der Gewaltgehalt der ausgewählten Szenen war niedrig und zeigte keine extremen Szenen. Nach der Betrachtung eines jeden Videos sollten die Probanden bewerten, ob der Grad der gezeigten Gewalt des gesehenen Videos im Vergleich zu dem des vorherigen höher oder niedriger war.

Während dieser Aufgabe wurden die Hirnfunktionen der Jungen mittels eines Magnetresonanztomographen (MRI) überwacht. Zugleich wurde Hautleitfähigkeitsreaktion (SCR) der Jungen über Elektroden an der jeweils nicht-dominanten Hand gemessen, mit der sich psychophysiologische Zusammenhänge objektivieren lassen, da jede physiologische Erregung (etwa durch Stress und Emotionen) die Hautleitfähigkeit verändert.

Bei diesen Versuchen wurde der Gewaltgrad nach und nach gesteigert, was mit einer Abnahme der Aktivitäten in den emotionalen Hirnregionen einherging und sich sowohl in den MRI- und SCR-Daten widerspiegelte.

Je länger die Jungen die noch verhältnismäßig milden Gewaltvideos betrachteten, desto mehr wurden sie desensibilisiert, eine Beobachtung, die jedoch nicht auf Videos zutraf, deren Gewaltinhalt sehr gering war. Die Auswertung der Daten offenbarte zudem, dass die Desensibilisierung jener Jungen, die auch in ihrem normalen Alltag gewalthaltigen Medien ausgesetzt waren, besonders hoch war.

"Unsere wichtigste neue Erkenntnis ist jene, dass die Konfrontation mit den gewaltverherrlichenden Videos emotionale Reaktionen gegenüber ähnlichen Videos hemmt. Diese Beobachtung legt die Annahme nahe, dass normale Heranwachsende mit zunehmendem Konsum entsprechender Medien immer weniger Emotionen empfinden", so die Forscher

"Die Auswirkungen der Ergebnisse unserer Studie sind vielfältig. So stützt sie unter anderem die Vorstellung, dass fortwährender Konsum gewaltverherrlichender Medien Heranwachsende gegenüber Gewalt zusehends desensibilisiert und dazu führen kann, dass Gewalt als Mittel zunehmend akzeptiert wird. Zudem ist zu befürchten, dass entsprechend betroffene Jugendliche verstärkt dazu tendieren, selbst aggressiv und gewaltsam zu handeln, da jene Komponenten, die unter normalen Umständen aggressives Verhalten hemmen und kontrollieren, reduziert werden", so Grafman. "Keine frühere Studie hat diese Aspekte aus dieser Perspektive heraus untersucht. Erstmals wurde Verhalten, Hirnaktivität und SCRs von Jugendlichen analysiert."

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Da die Studie bislang nur männliche Jugendliche untersucht hat, sei es bislang noch nicht möglich zu sagen, ob der gleiche Effekt auch bei Mädchen auftritt. "Die Aggressionsrate bei Frauen, selbst bei jugendlichen Frauen, wie sie ähnlichen biophysiologischen Anforderungen ausgesetzt sind wie Jungen, ist deutlich geringer. Dieser Umstand wirft die Frage auf, welche Mechanismen und autonomen Unterschiede im Hirn mit dem Geschlechterunterschied einhergehen", fragen die Autoren der Studie.

"Wir vermuten, dass der Konsum gewaltverherrlichender Medien mit einem Abstumpfen emotionaler Reaktionen einhergeht, das wiederum verhindert, dass auf Aggression angemessenen emotional reagiert wird. Aus diesem Grund steigt dann auch die Wahrscheinlichkeit, dass Aggression zusehends als akzeptables Verhalten betrachtet wird."

Dr. Grafman glaubt, dass die Ergebnisse der Studie auch auf die Art und Weise übertragen werden können, wie entsprechend ausgesetzte Menschen bzw. Jugendliche auch im wirklichen Leben reagieren: "Gehen sie mit Aggression und Gewalt einher, stimulieren elektronischen Medien Strukturen im Gehirn, die typischerweise aktiviert werden, wenn sich Personen vorstellen, aggressiv zu werden und wir vermuten aus diesem Grund, dass dies auch bei echter Aggressivität geschieht."

Die meisten Menschen, so fügen die Forscher abschließend erläuternd hinzu, können sehr gut zwischen Videospielen und dem wirklichen Leben unterscheiden. "Doch wenn die Spielregeln des Alltags verändert werden, wenn wir beispielsweise von einem Hund attackiert werden oder wir von anderen in aggressiver Form attackiert werden (ein Fall, der bei Jugendlichen häufig - etwa auf dem Pausenhof - eintritt) können gerade Jugendliche mit einem erhöhten Konsum gewaltverherrlichender Medien dazu neigen, aggressiv zu reagieren und zugleich Aggression als normales Verhalten akzeptieren."

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Quellen: grenzwissenschaft-aktuell.de / oxfordjournals.org
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