Freitag, 14. Oktober 2011

Schwarzer Tod: Wissenschaftler rekonstruieren das vollständige Pest-Genom

"Totentanz" von Michael Wolgemut aus "Liber chronicarum" (1493) | Copyright: Public Domain

Tübingen/ Deutschland - Einem internationales Forscherteam, angeführt von Wissenschaftlern der "Universität Tübingen" und der kanadischen "McMaster University", ist es gelungen, das vollständige Genom des Pesterregers einer der verheerendsten Epidemien der Menschheitsgeschichte zu rekonstruieren. Die Arbeit führt zu einem neuen und besseren Verständnis der Evolution menschlicher Infektionskrankheiten und offenbart auch die Herkunft der Epidemie.

Wie die Presseerklärung der Tübinger Universität erläutert, ist es dadurch nun möglich, Veränderungen in der Evolution und der Virulenz des Pathogens zurückverfolgen. Ihre Ergebnisse haben die Forscher um die Genetiker Johannes Krause und Verena Schünemann von der "Universität Tübingen" und Hendrik Poinar, Kirsten Bos und Brian Golding von der "McMaster University" aktuell im Fachmagazin "Nature" beschrieben.

Schon in einer weiteren kürzlich publizierten Studie hatten die Forscher einen neuen methodischen Ansatz beschrieben, winzige DNA-Fragmente des Krankheitserregers der Pest aus mittelalterlichen Skeletten anzureichern. Damit konnten sie bestätigen, dass Bakterien vom Typ "Yersinia pestis" für den Schwarzen Tod verantwortlich waren. Bei dieser Epidemie kam im Mittelalter in nur fünf Jahren, zwischen 1347 und 1351, die Hälfte aller Europäer ums Leben.

www.grenzwissenschaft-aktuell.de
+ + + HIER können sie unseren täglichen Newsletter bestellen + + +

"Um zu verstehen warum die mittelalterliche Pest so katastrophale Auswirkungen hatte, entschlüsselten wir nun das gesamte Erbgut des mittelalterlichen Pesterregers mit Hilfe neuester DNA-Sequenziermethoden", erklärt Johannes Krause, Juniorprofessor an der "Universität Tübingen" und Spezialist für Paläogenetik.

"Die genetischen Informationen zeigen uns, dass der mittelalterliche Peststamm der Vorläufer aller heute noch vorkommenden Pestbakterien ist. Jeder heutige Pestausbruch auf der Erde geht auf einen direkten Nachfahren der mittelalterlichen Pest zurück", fügt Hendrik Poinar hinzu. "Mit einem besseren Verständnis und direkten Blick in die Evolution dieses tödlichen Krankheitserregers betreten wir eine neue Ära der Erforschung von Infektionskrankheiten.“ Die direkten Nachfahren der mittelalterlichen Beulenpest existieren bis heute und töten in etwa 2000 Menschen jährlich.

Pestopfer auf dem "East Smithfield Cemetery" (Ausgrabungen 1986-88) | Copyright: Museum of London

Für die Studie untersuchten die Wissenschaftler menschliche Überreste von Pestopfern, die auf dem Londoner Pestfriedhof "East Smithfield" bestattet wurden. Verwendet wurden Proben aus den Zähnen von fünf Skeletten die bereits positiv auf die Anwesenheit von Y. pestis getestet worden waren.

Das Ergebnis zeigte, dass sich in 660 Jahren Evolution relativ wenige Veränderungen im Genom des Pesterregers ereignet haben. Ob diese Veränderungen zu der beobachteten höheren Virulenz der historischen Pest im Vergleich zu modernen Pesterregern führten, bleibe jedoch ungeklärt. "Im nächsten Schritt wollen wir herausfinden, warum die mittelalterliche Pest so tödlich war", sagt Poinar.

Schädel eines Opfers des Schwarzen Todes vom "East Smithfield Cemetery" in London | Copyright: Museum of London

"Wichtige technische Fortschritte in der DNA-Anreicherung und -Sequenzierung haben die Bandbreite der Methoden zur genetischen Analyse historischer Proben dramatisch erweitert und eröffnen neue Horizonte im Verständnis für das Entstehen und Wiederauftauchen von Krankheiten", so die Forscher.

Der historische Kontext der in der Studie untersuchten menschlichen Überreste mit einer genauen Datierung auf das Jahr 1349 erlaubte es den Forschern dann, das maximale Alter des gemeinsamen Vorfahren aller Pesterreger zu bestimmen.

Den Ursprung der Pest sehen die Forscher in Ostasien im 13. oder 14. Jahrhundert. Frühere Pestausbrüche wie etwa die Justinianische Pest, die im 6. Jahrhundert mehr als 100 Millionen Menschen weltweit tötete, wurden wahrscheinlich von einem anderen, bislang nicht identifiziertem Pathogen verursacht.

"Mit unserer neuen Methodik sollte es möglich sein, die Erbinformation der Krankheitserreger unterschiedlicher historischer Epidemien zu untersuchen“, sagt Krause. "So können wir einen Einblick in die Evolution von menschlichen Pathogenen und deren Einfluss auf historische Ereignisse bekommen. Gleichzeitig zeigen uns die Ergebnisse zur mittelalterlichen Pest, welch katastrophale Auswirkungen ein Pathogen haben kann, wenn es erstmalig beim Menschen in Erscheinung tritt."

WEITERE MELDUNGEN ZUM THEMA

Historisches Vampirgrab in Venedig entdeckt
9. März 2009

Bücher zum Thema

- - -

Quellen: uni-tuebingen.de / grenzwissenschaft-aktuell.de
Copyright: grenzwissenschaft-aktuell.de
(falls nicht anders angegeben)


Für die Inhalte externer Links übernehmen wir keine Verantwortung oder Haftung.


WEITERE MELDUNGEN finden Sie auf unserer STARTSEITE