Donnerstag, 21. August 2014

Square Kilometre Array: Deutschland steigt aus Beteiligung an weltgrößtem Radioteleskop aus


Künstlerische Darstellung einer der Anlagen des Square Kilometre Array (SKA) | Copyright: skatelescope.org

Berlin (Deutschland) - Bereits am 5. Juni 2014 hat die Bundesregierung mit einem offiziellen Schreiben des Bildungs- und Forschungsministeriums die Absicht bekundet, sich aus dem Projekt der geplanten größten Radioteleskop-Anlage, der sogenannten Square Kilometre Array (SKA), zurückzuziehen. Die Begründung: Einspaarmaßnahmen künftiger Bundeshaushalte. Jetzt machen Astronomen verstärkt auf die negativen Konsequenzen eines solchen Schritt aufmerksam und hoffen, die Bundesregierung von Verbleib innerhalb der SKA-Organisation zu überzeugen. Neben der großen grundsätzlich wissenschaftlichen und astropysikalischen Bedeutung des Projekts soll sich das SKA nach Fertigstellung auch an der Suche nach außerirdischem Leben und intelligenten Signalen beteiligen.

Wie die Square Kilometre Array Organisation bekannt gab, wurde das Schreiben von Staatsekretär Dr. Georg Schütte vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterzeichnet und bekundet damit den Austritt Deutschlands zum 30. Juni 2015.


- Eine offizielle Stellungnahme des BMBF zur Austrittsentscheidung und den möglichen Konsequenzen finden Sie HIER


Noch im Dezember 2012 feierte das internationale SKA-Konsortium den Beitritt Deutschlands: "Deutschland hat einen exzellenten Ruf nicht nur in der radioastronomischen Forschung, sondern auch im Management und in der Umsetzung von Großprojekten und der damit verbundenen industriellen Entwicklung", so Professor John Womersley, der Sprecher des Direktoriums der SKA-Organisation, angesichts des deutschen Beitritts. "Die Erfahrung unserer deutschen Partner stellt einen erheblichen Vorteil für das SKA dar, vor allem, wo wir jetzt in die Vorbereitung der Konstruktionsphase für dieses begeisternde Projekt kommen." (...wir berichteten)


Nun bedauert man bei der SKA die aktuelle Entscheidung, die neben den finanziellen Schwierigkeiten auch einen "Mangel an Vertrauen seitens der Bundesregierung gegenüber dem SKA-Projekt" aufzeige.


"Während die laufenden Pläne und Konstruktionsarbeiten zum derzeitigen noch vergleichsweise frühen Austrittszeitpunkt Deutschlands nur geringe bis keine Konsequenzen für die Fortführung und Umsetzung der SKA-Pläne darstellen, dürfte die getroffene Entscheidung spätestens mit Beginn der Konstruktionsphase 2017/1018 für die deutsche Industrie spürbar werden", so die SKA-Organisation. Schließlich kann diese sich nun nicht mehr länger an den Ausschreibungen zum Bau der (in Neuseeland und Südafrika entstehenden) Anlagen bewerben." Und das, obwohl Deutschland gerade im Teleskopbau, im Transport und der Verarbeitung von digitalen Signalen, dem Hochleistungsrechnen oder aber Versorgung mit erneuerbarer Energie besondere Expertisen und Potentiale aufweisen kann.


Zusätzlich dazu, würden als Nichtmitglieder die Nutzungsmöglichkeiten der gewaltigen Anlage für deutsche Wissenschaftler und Institute auf ein Minimum reduziert werden und diese zukünftig in starker Konkurrenz im Rennen um die stark begrenzte Nutzungszeit der SKA für Wissenschaftler aus Nichtmitgliedsstaaten stehen.


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Während Deutschland also aussteigen will, wird das SKA in der internationalen Wissenschaftlergemeinde als eines der nächste großen Wissenschaftsprojekte in einer Reihe mit dem LHC-Teilchenbeschleuniger am Kernforschungszentrum CERN und der Internationalen Raumstation ISS gewertet. Bis heute haben 20 Mitgliedsstaaten mehr als 120 Millionen Euro und die Arbeit von über 500 Wissenschaftlern und Ingenieuren in die Entwicklung der SKA investiert.


Weitere Ansicht einiger SKA-Anlagen, wie sie in Südafrika geplant sind. | Copyright skatelescope.org

Zuletzt ist es aber auch der ausgesprochenen Wunsch der SKA-Organisation, dass Deutschland einen Weg zurück zum Projekt findet und die getroffene Entscheidung möglichst bald wieder überdenken werde.


- Einen ausführlichen Artikel mit Interview dreier führender Forscher zum Ausstieg Deutschlands aus dem SKA-Projekt finden Sie auf Spektrum.de


Einmal fertig gestellt wird das SKA das größte und bei weitem empfindlichste Radioteleskop der Welt sein. Die komplette Sammelfläche von ungefähr einem Quadratkilometer ermöglicht eine 50mal höhere Empfindlichkeit und eine 10000mal höhere Messgeschwindigkeit für Himmelskarten im Vergleich zu den besten heutigen Radioteleskopen. Tausende einzelner Empfänger erstrecken sich über einen Abstand von bis zu 3000 Kilometern von den Zentralstationen. Mit dem SKA wollen Wissenschaftler fundamentale bisher unbeantwortete Fragen über das Universum angehen, wie zum Beispiel die Entstehung und Entwicklung der ersten Sterne und Galaxien nach dem Urknall, wie Dunkle Energie die Expansion des Universums beschleunigt, die Rolle von Magnetfeldern im Kosmos, das Wesen der Gravitation als fundamentaler Wechselwirkung.


Neben seinen astrophysikalischen Schwerpunkten wollen sich die SKA-Astronomen aber auch auf die Suche nach außerirdischem Leben im All und Signalen außerirdischer Intelligenz begeben. "Mit SKA wollen wir nach organischen Molekülen im Weltraum suchen - nach den Molekülen des Lebens. Natürlich wollen wir aber auch nach außerirdischer Intelligenz suchen. Angesichts all' der derzeit neuentdeckten Planeten hoffen wir mit SKA in der Lage zu sein, zu untersuchen, ob es dort auch Zivilisationen gibt und diese vielleicht auch Signale senden", so der SKA-Projektdirektor Dr. Bernie Fanaroff auf dem "New Age Business Briefing" in Südafrika im März 2013 (...wir berichteten).


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Mittlerweile mehrt sich der Widerstand innerhalb der deutschen Wissenschaftsgemeinde gegen die Entscheidung des Forschungsministeriums.


"Man stelle sich nur vor, der Finanzminister hätte die öffentlichen-rechtlichen Sender aufgefordert, die knapp 200 Millionen Euro öffentlicher Gelder einzusparen, die für die Übertragungrechte der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 ausgegeben wurden!", protestiert der Astronom Florian Freistetter in seinem Blog "Astrodicticum Simplex". "Da wäre das Internet voll mit Petitionen, die Schlagzeilen der BILD so dick wie nie und die Talkshows (der öffentlich-rechtlichen Sender) würden sich vor Hysterie gar nicht mehr einkriegen. Aber wenn Deutschland sich wegen ein paar Millionen Euro Mitgliedsbeitrag aus einem der zukunftsträchtigsten wissenschaftlichen Projekte zurück zieht, dann interessiert das niemanden. Nur die Wissenschaftler, aber die haben ja keine Lobby…"


Freistetter verweist des Weiteren auf eine Anfrage auf "Abgeordnetenwatch.de" durch Dr. Urs Schaefer-Rolffs vom Institut für Atmosphärenphysik an Dr. Philipp Lengsfeld von der CDU. Lengsfeld ist selbst promovierter Physiker und Mitglied im Forschungsausschuss des Bundestags. In dessen Antwort, so sie denn tatsächlich ernst gemeint sei, liest Freistetter zumindest einen kleinen Hoffnungsschimmer:

"Die Förderung von Grundlagenforschung und Spitzentechnologie in Deutschland ist ein erklärtes Ziel der Regierungskoalition, das sich auch in dem jüngst verabschiedeten Bundeshaushalt 2014 widerspiegelt. Trotzdem kann es in Abwägung verschiedener Projektprioritäten auch auf Grund von unterschiedlichem Projektfortschritt zu manchmal schmerzhaften Plananpassungen kommen. Trotzdem nehme ich den Punkt von Ihnen und anderen zum Thema SKA sehr ernst und werde versuchen im Rahmen der anstehenden Haushaltsberatungen für 2015 zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen aus dem Bereich Bildung und Forschung den vorläufigen Abwägungsprozess zwischen SKA und anderen Projekten einer erneuten Prüfung zu unterziehen.
Um ein möglichst umfassendes Bild zu bekommen, hat mein Büro bereits den direkten Kontakt zu Ihnen gesucht. Versprechen kann ich nichts, aber das Grundanliegen soll in aller Ernsthaftigkeit durchdiskutiert werden."
Die nächste Sitzung des verantwortlichen Ausschusses findet im September statt. Tatsächlich, so berichtete Astrodicticum Simplex" weiter, sammeln die Mitarbeiter von Lengsfeld derzeit wissenschaftliche Argumente für einen Verbleib Deutschlands beim SKA und hätten schon den Fragesteller Dr. Schaefer-Rolffs hierzu kontaktiert.

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Quelle: skatelescope.org, abgeordnetenwatch.de, scienceblogs.de/astrodicticum-simplex
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