Montag, 23. Mai 2011

Forscher fordert Anthropologie heraus: Aktuelle Neandertaler-Rekonstruktionen sind grundlegend falsch - Neandertaler waren Raub-Primaten

Sahen so Neandertaler wirklich aus? | Copyright: themandus.org

Glebe/ Australien - Das doch so menschenähnliche Bild, wie es von zahlreichen vermeintlich wissenschaftlichen Rekonstruktionen von Neandertalern in Sachbüchern, TV-Dokumentationen und Naturkundemuseen anhand von Illustrationen, 3D-Animationen und plastischen Exponaten gezeichnet wird, ist grundlegend falsch und hat ganz und gar nichts mit Wissenschaft zu tun. Das behauptet zumindest Danny Vendramini, Author des Buches "Them + Us" (Sie und Wir) und fordert mit seinen eigenen Interpretationen archäologischer Funde und neuen forensischen Rekonstruktionen unsere bisherigen Vorstellungen vom Neandertaler als eiszeitlicher Höhlen-Mensch grundlegend heraus: Vielmehr habe es sich um intelligente, aufrechtgehende Primaten, also Affen und gleichzeitig um das am weitesten entwickelte Raubtier der europäischen Eiszeit gehandelt, der später gezielt auch Jagd auf Frühmenschen machte. Erst aus dem Konflikt zwischen frühem Mensch und Neandertaler habe uns Menschen zu dem gemacht, was uns noch ausmacht.

"Die bekannten Rekonstruktionen von Neandertalern basieren nicht auf soliden wissenschaftlichen Beweisen, da weiches Gewebe, wie Haut, Haare, Pigmente oder Augäpfel nicht in Form fossiler Funde vorliegt. Ich bin davon überzeugt, dass Neandertaler gänzlich anders aussahen", der der Hobby-Anthropologe Danny Vendramini.

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Den Grund, weswegen nahezu alle bisherigen forensischen Rekonstruktionsversuche des Neandertalers derart menschenähnlich ausfallen, sieht der Autor in der menscheneigenen Tendenz, Tiere zu vermenschlichen (Anthorpomorphismus). "Wir gehen davon aus, dass nur, weil wir eine zarte Haut, hervorstehende Nasen, sichtbare weiße Augäpfel und volle Lippen haben, auch Neandertaler ebenfalls diese Merkmale besaßen. Und nur weil wir unsere Körperbehaarung verloren haben, gLauben wir, dass dies bei den Neandertalern nicht anders war." Vendramini verweist auf zahlreiche Beispiele für diesen Anthropormophismus in forensischen Rekonstruktionen: "Neandertaler-Männer werden meist fast schon attraktiv und oft sogar sorgfältig rasiert dargestellt. Kinder sind meist nahezu niedlich und einige der Exponate tragen sogar eine Art von Windeln. Frauen werden meist mit Tätowierungen gezeigt und haben in nahezu allen Exponaten volle Brüste, obwohl die Weibchen keiner bekannten Primatenart permanent ausgebildete volle Brüste aufweisen wie wir Menschen.Es ist also mehr als offensichtlich, dass wir unsere eigenen Vorlieben und Werte auf die Neandertaler übertragen."

Archiv: Rekonstruierter Neandertaler im Neanderthal-Museum | Copyright: gemeinfrei

Neben diesem anthropomorphischen Problem sieht der Autor auch ein grundlegendes Problem bei der zur Rekonstruktion des Aussehens von Neandertalern anhand von Schädelfunden angewandten Methode der forensischen Gesichtsrekonstruktion. Dieses liege besonders in dem Umstand, dass bisherige Versuche unser Wissen über die Eigenschaften von Muskeln und Hautgewebe des Menschen auf die fossilen Knochenfunde von Neandertalern übertragen, obwohl es deutliche morphologische Unterschiede gibt. "Doch alle diese Eigenschaften sind dem Menschen einzigartig. Kein Wissenschaftler würde sie etwa zur Rekonstruktion eines Schimpansen- oder Gorillaschädels anwenden und trotzdem nutzten Wissenschaftler bislang immer menschliche Eigenschaften und Proportionsverhältnisse zur Rekonstruktion von Neandertalern. Das Ergebnis muss also zwangsläufig menschenähnlich ausfallen. Das aber, ist keine gründliche Wissenschaft."

Der Hauptgrund für bisherige Fehler bei der Rekonstruktion ist laut Vendramini die unterschiedliche Größe und deutlich höher gelegenen Position der Augenhöhlen bei Neandertalern. "Vergleicht man menschliche Schädel mit denen von Neandertalern so wird eigentlich sehr schnell deutlich, dass sie sich doch grundlegend unterscheiden."

Der Grund für die physiognomischen Unterschiede zwischen Menschen und Neandertalern liegt für den Autor in den gänzlich unterschiedlichen Umgebungen, in welchen sich frühe Menschen und Neandertaler entwickelt hatten. Hier bei beruft er sich auf Darwin, der feststellte, dass das Verhalten und Aussehen von Tieren hauptsächlich von seiner Umwelt abhängt. "Menschen haben sich in den gemäßigten bis warmen Savannen Afrikas entwickelt, während sich die Neandertaler in den frostigen Schnee- und Gletscherlandschaften des eiszeitlichen Europas entwickelt haben. Als die beiden Spezies dann wieder aufeinandertrafen, waren sie zuvor nahezu eine halbe Million Jahre voneinander getrennt. Aus darwinistischer Sicht ist es unvorstellbar, dass sich Neandertaler und Menschen nach derart langer Zeit und gänzlich unterschiedlichen Umweltbedingten ausgesetzt, immer noch gleichen würden. Alles deutet für mich also darauf hin, dass Neandertaler nicht wie Menschen aussahen. Diese Einsicht provoziert jedoch eine interessante Frage: Wie haben sie ausgesehen?"

Sobald man sich von den anthropomorphen Neigungen bisheriger Rekonstruktionsversuche verabschiedet habe, erscheine die Antwort auf die Frage, wie Neandertaler ausgesehen haben, nicht all zu schwer. Der Grund hierfür ist sei die Tatsache, dass es sich bei Neandertalern um Primaten gehandelt habe. "Man kann also auch davon ausgehen, dass sich auch ihr Aussehen entsprechend entwickelt hatte. Der Grund dafür, dass wir Menschen nicht mehr aussehen wie unsere Primaten-Vorfahren, liegt in dem Umstand, dass wir uns in einer gänzlich einzigartigen ökologischen Umweltbedingungen, wie ich sie in meine Buch "Them + Us" beschreibe, entwickelt haben. Und diese Umstände, lassen sich ganz gewiss nicht auf den Neandertaler übertragen. Von den Neandertalern ist auszugehen, dass sie die Erscheinungsform eines großen, aufrecht gehenden Primaten fortentwickelt hatten."

Neandertaler-Schädel im Schimpansen-Profil | Copyright: themandus.org

Sobald man Neandertaler als Primaten betrachtet, werden auch schon zahlreiche Gemeinsamkeiten offensichtlich. So passt beispielsweise das Profil eines Neandertalerschädels erstaunlich gut zu dem eines Schimpansen. Auf der Grundlage seiner Theorie beauftragte Vendramini einen der führenden Computermodellisten, Arturo Balseiro, mit einer erneuten forensischen Rekonstruktion des Neandertalers.

Heutzutage gibt es jedoch eine erstaunliche Vielzahl von Primaten, da sich die Tiere den unterschiedlichsten Umweltbedingungen angepasst haben. Erneut steht also ihr Erscheinungsbild zweifelsohne in Zusammenhang mit der Umwelt, in der sich sich entwickelt und an welche sie sich angepasst haben. "Das Gleiche sollte also auch am Beispiel der Neandertaler angenommen werden", so Vendramini. "Um also die Eigenschaften der Physiologie der Neandertaler zu verstehen, müssen wir die Eigenschaften ihrer Umgebung kennen und in eine Rekonstruktion miteinbeziehen."

"Und genau über die Umstände, wissen wir relativ viel: Es handelte sich um das Europa der Eiszeit, wie es von Wissenschaftlern als die wohl lebensfeindlichste Umgebung beschrieben wird, die je von Hominini, also einer Stufe der Menschenaffen (Hominidae), bevölkert wurde und es war diese Umwelt, die jeden Aspekt der Erscheinungsform und des Verhaltens der Neandertaler beeinflusst und geformt hatte."

Von besonderer Bedeutung sei diese Erkenntnis unter anderem angesichts der Frage nach der potentiellen Körperbehaarung des Neandertalers. "Wenn wir uns alle anderen großen Tiere (Wollhaarmammut, Wisent, Wollhaarnashorn, Höhlenlöwe, Höhlenbär usw.) anschauen, die sich damals den Lebensraum mit den Neandertalern teilten, so erkennen wir recht schnell, dass sie alle dickes und dichtes Fell hatte und als Konsequenz der Anpassung an das raue Klima, machte das schließlich ja auch Sinn und es macht auch Sinn anzunehmen, dass dies bei den Neandertalern nicht anders war."

Während die Savannen Afrikas eine Vielzahl an Beutetieren aber auch an vegetarischen Nahrungsmitteln bis hin zu Meeresfrüchten boten, standen dem Neandertaler nur gerade einemmal eine Handvoll essbarer Pflanzen zur Verfügung, wie sie zudem noch derart geringe Nährwerte aufwiesen, dass es kaum Sinn machte, sie zu suchen bzw. zu ernten. "Dieser Umstand", so erläutert Vendramini, "führt meiner Meinung nach dazu, dass sich die Neandertaler von einem ursprünglichen Allesfresser zu einem ausschließlichen Fleischfresser entwickelt hatten. In anderen Worten: Sie gaben ihre einstige Lebensweise als Jäger und Sammler auf und spezialisierten sich ausschließlich auf die Jagd."

Rekonstruktion des Neandertalers als intelligenter Raub-Primat (Illu.) | Copyright: themandus.org

Seine Theorie eines rein fleischfressenden Neandertalers als am weitesten entwickeltes "Raubtier" sieht Vendramini durch aktuelle Mollekularanalysen von Neandertalerzähnen bestätigt, die aufzeigen, dass die Nahrung des Neandertalers zu 99 Prozent aus Fleisch bestand. "Es gibt nur einen Weg, genügend Fleisch für diese Art der Ernährung zu erlangen: Die Jagd. Zudem, das belegen ebenfalls ausführliche Untersuchungen von Knochenfunden, war es den Neandertalern offenbar egal, woher das Fleisch stammte, denn sie waren Kannibalen."

Auch, da ist sich Vendramini sicher, erkläre seine Theorie die Frage, warum Neandertaler stärker waren als die damaligen Menschen: "Ihre Muskeln waren so groß, dass die besonders große starke Knochen brauchten um diese zu tragen. Wissenschaftler vermuten, dass Neandertaler etwas sechsmal stärker waren als Menschen und selbst ein Neandertalerkind einem erwachsenen Menschen an Stärke überlegen war."

"Die Neandertaler waren fraglos die intelligentesten Tiere im damaligen Europa: Sie beherrschten das Feuer, konstruierten Schutzhütten, stellten Werkzeuge und Waffen - wie etwa rasiermesserscharfe Wurfspeere - her und jagten, wie andere Raubtiere auch, in Rudeln."

Aus dem Umstand, dass die meisten Raubtiere selbst heutzutage in der Nacht auf die Jagd gehen, schließt Vendramini, dass auch Neandertaler des nachts jagten und sieht durch die auffallend größeren Augenhöhlen und entsprechen größeren und damit nachtsichtigen Augen, wie sie aus den Fossilfunden abgeleitet werden können, bestätigt.

Der, laut Vendramini, zum Monster-Archetyp gewordene Neandertaler-Jäger (Illu.) | Copyright: themandus.org

Die Tatsache, dass Vendraminis Neandertaler-Rekonstruktionen auf viele Menschen verstörend wirken, sieht der Forscher durch den Umstand erklärt, dass - laut seiner Theorie - vor rund 100.000 Jahren eine Gruppe von Neandertalern in den Nahen Osten ausgewanderten und hier zum ersten Mal auch auf dortige frühe Steinzeitmenschen stießen und damit begannen, diese zu jagen. "Die Neandertaler jagten diese Menschen aber nicht nur als Beute für Nahrung, sondern auch zum Stillen des Sexualtriebs. Diese grauenhafte Zeit der kapitalistischen und sexuellen Prädation (Raubtier-Beute-Beziehung) dauerte rund 50.000 Jahr an. Nur dieses Szenario kann die Ergebnisse einer erst 2010 abgeschlossenen genetischen Analyse erklären, wie sie eindeutig belegt, dass sich Neandertaler und Menschen vermischt hatten" (...wir berichteten). Diese angsteinflössende Begegnung der Arten sieht Vendramini als Grund der heute noch uns Menschen innewohnenden Angst für dem Biest. "Die einzigen Menschen, die diese Phase überlebt hatten, waren jene Menschengruppen, die ihre modernen menschlichen Eigenschaften wie höhere Intelligenz, Kreativität, Sprache in Migration weiter entwickeln und dadurch auch den Spieß gegen die Neandertaler umdrehen konnten. Für weitere 20.000 Jahre machten die Menschen nun Jagt auf die Neandertaler und rotteten sie schlussendlich gänzlich aus."

"Die Hauptaussage meiner Theorie und meines Buches ist also, dass alles, was wir heutzutage sind - alles, was uns als Menschen ausmacht, das Ergebnis dieses rund 70.000 Jahre andauernden Konflikts zwischen 'ihnen und uns' ist. Es ist das, was uns menschlich gemacht hat."


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Quellen: grenzwissenschaft-aktuell.de / themandus.org

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