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Mittwoch, 5. September 2007

GEHÖRT RUDOLF STEINER AUF DEN INDEX?

Rudolf Steiner (1861-1925) | Copyright: PD

Bonn/ Deutschland – Es ist mal wieder so weit: Wie fast jedes Jahr bringt irgendein Journalist oder Politiker die Frage auf’s Parkett, ob in den Schriften des Begründers der Waldorfschule Rudolf Steiner rassistische Inhalte Propagiert werden. Doch jetzt liegt die Messlatte über den bisher meist polemischen Darlegungen: Die "Bundesprüfstelle für Jugend gefährdende Medien" soll darüber entscheiden, ob zwei von Steiners Schriften auf dem Index sollen.

HINWEIS: Unsere aktuelle Meldung über die Entscheideung: "Rudolf Steiner kommt nicht auf Index"

Der Spiegel“ zitiert ein Schreiben aus dem Familienministerium, in dem es heißt, die Bücher seien "geeignet, Kinder und Jugendliche sozialethisch zu desorientieren", da sie "Rassen diskriminierende Aussagen" enthielten. Sollte das zwölfköpfige Gremium am kommenden Donnerstag dem Antrag zustimmen, müssen sich die 206 deutschen Waldorfschulen zukünftig auf den Namen eines inkriminierten Autors berufen.

Bei den immer wieder besonders von Waldorf-Kritikern gern zitierten Stellen handelt es sich u. a. um die Aussage Steiners in seinem Buch „Geisteswissenschaftliche Menschenkunde“. Hier heißt es: "Die Menschen, welche ihr Ich-Gefühl zu gering ausgebildet hatten, wanderten nach dem Osten, und die übrig gebliebenen Reste von diesen Menschen sind die nachherige Negerbevölkerung Afrikas geworden". Später im Buch beschreibt Steiner zudem die „passive Negerseele“, die "völlig ihrer Umgebung, der äußeren Physis hingegeben" sei. Die "kaukasische Rasse" dagegen soll "den Weg machen durch die Sinne zum Geistigen, denn sie ist auf die Sinne hin organisiert".

Detlef Hardorp, deutscher Vertreter beim "European Council for Steiner Waldorf Education", kann im Werk des Ahnherrn höchstens "unzeitgemäßes Vokabular" entdecken.

Web-Tipp...
...zum Thema „Rudolf Steiner und Rassismus“ und einer differenzierten Auseinandersetzung mit der Problematik
http://www.ruedigersuenner.de/steiner-rassismus.html

Und tatsächlich scheint sich der Hauptvorwurf das Werk Steiners sei durchzogen von rassistischen Aussagen, aufgrund von Zitaten aufzubauen, die zwar im heutigen Kontext, also mehr als 85 Jahre nach Steiners Tod, tatsächlich befremdlich tönen – jedoch im damaligen Welt- und Sprachverständnis üblich leider waren.

So fragte Albert Schweitzer, dem heute wohl kaum jemand mehr ernsthaft rassistische Hintergründe unterstellen will, in den Jahren 1924-1927 in Lambarene über die „Beziehungen von Weiß und Farbig“ und die Frage „in welcher Art mit dem Farbigen zu verkehren sei":

„Soll ich ihn als gleich, soll ich ihn als unter mir stehend behandeln?
Ich soll ihm zeigen, dass ich die Menschenwürde in jedem Menschen achte. Diese Gesinnung soll er an mir spüren.

Aber die Hauptsache ist, dass die Brüderlichkeit geistig vorhanden ist...
Der Neger ist ein Kind. Ohne Autorität ist bei einem Kinde nichts auszurichten... Den Negern gegenüber habe ich dafür das Wort geprägt: Ich bin dein Bruder; aber dein älterer Bruder."

Bücher zum Thema:

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Das Bundesfamilienministerium sieht dies offenbar nicht so und bezeichnet die Rassen diskriminierende Aussagen in den Werken Rudolf Steiners als besonders gravierend und „keinesfalls als Zufallsprodukte oder durch den Zeitgeist bedingte rassistische Stereotype“. Stattdessen seien sie „Ausprägungen einer spezifisch Steinerschen esoterischen Rassenkunde zu sehen“.

Waldorfschüler weltweit bekommen von derartigen Auslegungen im allgemeinen Schulalltag nichts oder kaum etwas mit. Wird doch im Allgemeinen an den Waldorfschulen keine steinersche Lehre (Anthroposophie) unterrichtet, sondern sich lediglich auf dessen pädagogische Grundlage berufen. Selbst wenn Steiner zu Lebzeiten rassistische Anwandlungen nachgegangen wäre, so haben sich diese offenbar nicht auf die Schulform der Waldorf- und Steinerschulen ausgeprägt. Hier finden sich oft besonders beispielhafte Integrationserfolge zwischen „einheimischen“ und „ausländischen“ Kindern jeglicher Rasse und Hautfarbe. Zudem gibt es zusammen mit den 206 deutschen Waldorfschulen weltweit rund 1000 Waldorfschulen – auch in Ländern mit vornehmlich dunkler Hautfarbe.

Die Waldorfschule im südafrikanischen Kapstadt erkämpfte sich sogar noch während der Apartheid Recht, in gemischten Klassen unterrichten zu dürfen. Damals wurde speziell für die Schüler dieser Schule ein „Gemischtwagen“ in den Zügen eingeführt, mit denen weiße und schwarze Kinder zur Schule fuhren. Auch die "Freie Waldorfschule Innsbruck" in Österreich hatte diesbezüglich Vorbildfunktion. Hier wurde das Fach „Menschenrechte“ erstmals in einer Oberstufe überhaupt zum Pflichtfach gemacht.

Vor all diesen Hintergründen erscheint das jetzige Bemühen zwei der Bücher Rudolf Steiners auf den Index zu setzten, vielmehr als ein weitere Schachzug von Waldorf-Gegnern, die von jeher gegen die alternative Schulform zu Felde ziehen. Auch der aktuelle Spiegel-Artikel kommt denn auch nicht ohne Polemik daher. Wo es eigentlich um die Frage gehen sollte, ob Steiners werk tatsächlich rassistische Inhalte verbreite, konzentriert sich in einem Großteil des Artikels dann auf die Frage, ob die Steinersche Lehre, die schließlich auch die Ausbildung der Lehrer präge, grundsätzlichen den wissenschaftlichen Ansprüchen genüge oder nicht doch, pseudowissenschaftlicher und esoterischer Unsinn sei. Derweil die obig dargelegten Fakten im Spiegel-Artikel verschwiegen werden, wird Steiner als „schwadronierender, geschwurbelnder (???) und fabulierender Säulenheiliger“ bezeichnet.

Vergessen wird dabei, dass an den meisten deutschen Waldorfschulen staatlich anerkannte, also auch staatlich kontrollierte, Schulabschlüsse bis hin zum Abitur vergeben und erreicht werden. Vergessen wird auch, dass die Integration von ausländischen und auch behinderten Mitschülern an vielen Waldorfschulen weit weniger problematisch funktioniert, als an so mancher staatlichen Schule.

Quelle: grenzwissenschaft-aktuell.de / spiegel.de
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