Dienstag, 6. September 2011

Vorwurf: "NASA meidet Erforschung der Venus"

Die vulkanische Anhöhe Idunn Mons auf der Venus (l.) im infraroten Wärmebild (r.). | Copyright: NASA/JPL-Caltech/ESA

Washington DC/ USA - Auf ihrem Jahrestreffen hat die NASA-interne "Venus Exploration Analysis Group" (VEXAG), ein Zusammenschluss von interdisziplinären Wissenschaftlern, die sich der Erforschung der Venus verschrieben haben, der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde vorgeworfen, eine doch eigentlich nahe liegende Erforschung der Venus zu meiden.

Wie die Forscher um den Astrobiologen David Grinspon vom "Denver Museum of Nature and Science in Colorado" gegenüber dem Fachmagazin "Nature" erläutern, wäre der Schwesterplanet der Erde doch eigentlich geradezu prädestiniert für eine eingehende Erforschung - nicht zuletzt, da es sich um den der Erde am nächst gelegenen Planeten im Sonnensystem handelt. Zudem scheinen die atmosphärischen Prozesse jenen der Erde sehr ähnlich.

Dennoch wurde die Venus seit der Magellan-Mission in den frühen 1990er Jahren von keiner wissenschaftlichen US-Sonde mehr aufgesucht. Auch in absehbarer Zukunft ist keine Erforschung der Venus geplant. Im Gegenteil: Umfangreiche und der NASA von den Wissenschaftlern vorgelegte Vorschläge für entsprechende Missionen wurden allesamt abgelehnt.

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"Viele von uns sind bestürzt", so Grinspoon, der selbst zahlreiche Missionsvorschläge zur Erforschung der Venus mitausgearbeitet hat. Gründe für die stiefmütterliche Behandlung der Venus sehen die Forscher etwa in den hohen Oberflächentemperaturen, die etwa Blei zum schmelzen bringen würden oder die mit dichten Schwefelwolken schwangere Venusatmosphäre, die eine Voraberkundung der Oberfläche zur Bestimmung geeigneter Landestellen erschwert.

Im Gegensatz zum Mars, sei für viele Wissenschaftler die Venus zudem aber auch ein gänzlich ungeeigneter Ort sowohl für eine zukünftige bemannte Erkundung, als auch für die Suche nach einstigem oder gar heute noch vorhandenem Leben.

Grinspoon sieht indes jedoch noch "heimtückischere" Kräfte am Werk: "Ohne neue Missionen, die uns Wissenschaftler mit neuen Daten versorgen, schrumpfen natürlich auch die Forschungsgelder, damit auch Interesse junger Studenten an der Erforschung der Venus und schlussendlich auch unsere Lobby." Im Planetenforschungsbudget der NASA nehme die Erkundung der Venus seit 2005 gerade einmal zwei Prozent der Gesamtsumme ein und obwohl im Wettbewerb um zukünftige Missionen im Rahmen des "Discovery"-Programms (bei dem es sich um eine Reihe von auf jeweils 425 Millionen Dollar Gesamtkosten gedeckelten wissenschaftlichen Weltraummissionen handelt), ein Viertel der 28 eingereichten Vorschläge Missionen zur Venus zum Ziel hatten, schaffte es keines der Projekte bis ins Finale.

Ein maßstabsgetreuer Größenvergleich der Planeten Venus (l.), Erde und Mars (r.). | Copyright: NASA

Aber auch international stehe es um die Venus-Forschung nicht besser. Selbst die Ergebnisse der europäischen Mission "Venus Express" (2006), deren Instrumente eigentlich für die Erkundung des Mars und eines Kometen ausgelegt waren, hätten die Forscher nur teilweise befriedigt, während der Versuch der Japaner, im vergangenen Dezember eine Sonde zur Venus zu schicken, gänzlich gescheitert war.

Die NASA selbst verwehrt sich indes gegen die Vorwürfe der Venus-Forscher. "Unter den zahlreichen Vorschlägen für zukünftige Missionen im Rahmen des "Discovery"-Programms gab es schlicht und einfach bessere Vorschläge für die Erkundung von anderen Zielen im Sonnensystem", kommentiert der wissenschaftliche Leiter des Planetenforschungsprogramms der NASA Jim Green die Behauptungen der VEXAG. Auch der für den Discovery-Wettbewerb verantwortliche NASA-Wissenschaftler Michael New widerspricht: "Die Venus-Wissenschaftler müssen zu deutlicheren Übereinstimmungen darüber kommen, welche Ziele erreicht werden sollen. So haben jene Forscher, die eine Neukartierung der Oberfläche der Venus fordern, noch immer nicht genau erklärt, um wie viel besser die neuen Daten im Vergleich zu den Radarmessungen durch Magellan sein sollen."

Die Venusforscher um Grinspoon hingegen erhoffen sich, dass zunehmende wissenschaftliche Fragen, wie sie vielleicht auch durch ein Studium der Venus beantwortet werden könnten, derart an Bedeutung gewinnen, dass in nächsten Ausschreibungsrunden der NASA die Venus-Projekte nicht weiterhin übersehen kann. So könne eine Erforschung der Venus wichtige Beiträge für Klimamodelle der Erde liefern. Auch könne eine zukünftige Mission zur Venus erklären, warum dieselben chemischen Prozesse, die in der Erdatmosphäre die Ozonschicht zerstören, Kohlendioxid in der Venusatmosphäre stabilisieren.

Zudem konnten Forscher um die VEXAG-Vorsitzende Sue Smrekar geologisch-jüngere vulkanische Aktivität auf der Venus nachweisen (...wir berichteten): "Ein deutlicheres Bild der Geschichte des Vulkanismus auf der Venus könnte auch die Entwicklung und Fortgang des Treibhauseffekts erklären."

Noch im vergangenen Jahr verdichteten sich anhand der Daten der Sonde "Venus Express" Theorien, wonach auch die Venus einst über ausgedehnte Wasserozeane verfügte (...wir berichteten). Umso erstaunlicher also, dass die Venus zumindest mittelfristig für die NASA nicht von Interesse zu sein schient.

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Quellen: grenzwissenschaft-aktuell.de / nature.com / nasa.gov
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