Freitag, 9. Mai 2014

Okkulte DDR: DFG-Forschungsprojekt "Im Schatten des Szientismus - Zum Umgang mit heterodoxen Wissensbeständen, Erfahrungen und Praktiken in der DDR" - Projektteam bittet um Unterstützung


Symbolbild: Okkulte DDR (Illu.) | Copyright: igpp.de

Freiburg (Deutschland) - Wie erfolgte die private, öffentliche und wissenschaftliche Verhandlung von im weitesten Sinne parapsychologischen Themen und paranormalen Erfahrungen in der DDR? Welche Rolle spielten Themen wie Gedankenübertragung, Wahrträume, Ahnungen, Spuk-, Geister- und Jenseitserscheinungen, Parapsychologie, Astrologie und Wahrsagepraktiken, Wunderheilungen oder UFOs im Alltagsleben der DDR-Bürger? Diese Fragen illustrieren das Untersuchungsziel eines aktuellen soziologischen Forschungsprojektes, durchgeführt von Soziologen am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg (IGPP). Für das Projekt suchen die Forscher jetzt Zeitzeugen.

Die Soziologen Ina Schmied-Knittel, Andreas Anton und Michael Schetsche gehen davon aus, dass das Paranormale und die mit ihm verbundenen lebensweltlichen Erfahrungen und Praktiken für die DDR-Administration an die weltanschaulichen Grundprinzipien des vom Marxismus-Leninismus geprägten Wirklichkeitswissens rührten.


Mit "dem Paranormalen" soll ein Bereich abweichender Glaubens-, Erfahrungs-, Wissens, und Praxisformen bezeichnet werden, zu dem Themenkomplexe wie Okkultismus und Esoterik, Parapsychologie und Astrologie, Wahrsagepraktiken und magisch-therapeutische Handlungen gehören. "Im herkömmlichen wissenschaftlichen Verständnis handelt es sich dabei um Phänomene, außergewöhnliche Erfahrungen, Vorgänge und Erscheinungen, deren ontologischer Status als äußerst problematisch erachtet wird, da sie von der Normalität (besser: von Übereinstimmungen mit normalen wissenschaftlichen Erwartungen) abweichen und sich hinsichtlich ihres Nachweises oftmals (natur-) wissenschaftlichen Begründungen entziehen", so die Forscher.


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"In einer Gesellschaft wie der DDR, deren 'amtliches Wirklichkeitswissen' explizit materialistische und szientistische Züge trug, stellt sich die Frage nach dem sozialen Umgang mit derartigen Heterodoxien (vermeintliche Irrlehren) umso deutlicher. Die gezielte Vermittlung der wissenschaftlich-szientistischen Weltanschauung war ein wichtiges programmatisches Ziel der DDR-Führung - dadurch sollte es zu der Verdrängung von 'Finsternis und Unwissenheit', 'Aberglauben' und letztlich zu einem gänzlichen Verschwinden 'religiöser Ideologien' kommen.


In erster Linie war damit seinerzeit zunächst das Feld des Religiösen gemeint, nach der - im Einzelnen noch zu rekonstruierenden - Subsumtionslogik der offiziellen DDR-Weltanschauung aber gleichzeitig immer auch sämtliche im weitesten Sinne esoterischen, paranormalen, okkulten und alternativ-religiösen Themen.

Entsprechend kann von einer prinzipiellen ablehnenden Haltung gegenüber entsprechenden Themen und Erfahrungen in der DDR ausgegangen werden."

Tatsächlich liefern die Vorarbeiten der Forschergruppe deutliche Hinweise dafür, dass neben den traditionellen Religionen eben auch Okkultismus, Parapsychologie und "Aberglaube" (mithin "übernatürliche" Weltbilder und Praktiken) als falsche (bürgerliche) Ideologie denunziert und ausgegrenzt, ideologisch stigmatisiert und politisch unterdrückt wurden.


In diesem Kontext sei auch bemerkenswert, dass die in der DDR vertretenen Positionen in diesem Bereich sich möglicherweise von anderen sozialistischen Staaten, namentlich von jenen in der Sowjetunion, unterschieden haben: "Im Gegensatz zur DDR existierten dort zumindest vereinzelt parapsychologische Forschungsabteilungen und es gab auch entsprechende Publikationen (...wir berichteten).


Für die Freiburger Soziologen und Forscher stellt sich nun die Frage, mit welchen Konsequenzen diejenigen zu rechnen hatten, die sich in der DDR mit von der geltenden Weltsicht abweichenden Themen beschäftigten oder sogar selbst weltanschaulich unpassende Erfahrungen machten: "Anders gefragt: War entsprechenden Vorstellungen und Praktiken in der DDR tatsächlich der Nährboden entzogen, wie es der offizielle Diskurs verlauten ließ, oder gab es - gleichsam im Schatten der amtlichen Ordnung – einen 'okkulten Untergrund'?"


Diese Überlegungen bildeten den Ausgangspunkt des Forschungsprojektes. "Soziologisch gesprochen geht es um das Verhältnis zwischen orthodoxen und heterodoxen Wissensbeständen und Praxisformen in der DDR, namentlich um den Konflikt zwischen dem dominanten szientistischen Weltbild auf der einen und davon abweichenden Anschauungen und Lebenspraxen der Bevölkerung auf der anderen Seite." Methodische Zugänge bilden zum einen Interviews sowohl mit Akteuren aus dem Bereich des Paranormalen als auch mit damaligen Vertretern der DDR-Administration. Zum anderen werden die themenspezifische Literatur der DDR, aber auch massenmediale Bezugnahmen und behördliche Dokumente (wie z.B. Akten der Staatssicherheit) untersucht.


Für Auskünfte bzw. Informationen jeglicher Art ist das Projektteam außerordentlich dankbar. Personen, die sich zu DDR-Zeiten mit Themen wie

- Astrologie
- Wunderheilung, Geistheilung, Alternativmedizin
- UFOlogie
- Parapsychologie
- Paranormale Erfahrungen und Praktiken (sog. außersinnliche Wahrnehmungen, Nahtoderfahrungen, Hellseh- und Wahrsagepraktiken, Seancen, Tisch- und Gläserrücken, Wünschelruten) beschäftigten und dazu bereit sind, über ihre Erfahrungen Auskunft zu geben, sind hiermit explizit eingeladen, Verbindung zum Projektteam aufzunehmen.

Konkrete Forschungsfragen sind beispielsweise:

- Wie verbreitet waren individuelle Erfahrungen und soziale Praktiken im hier interessierenden Untersuchungsfeld des Paranormalen?

- Wie und wo wurden die DDR-Bürger über solche Themen informiert bzw. wo konnten sie selbst entsprechende Informationen einholen?


- Unter welchen Bedingungen und in welcher Form waren diese Erfahrungen und die entsprechenden Themen Gegenstand öffentlicher Berichterstattung? Aber auch: Welchen Einfluss hatten die (West-)Medien?


- Waren Eliten und Staatsorgane involviert? Gab es wissenschaftliche Experten, Forschungseinrichtungen und/oder -projekte, die sich mit den genannten Themen befassten?


- Wurde der gemeinte Themen- und Akteursbereich als problematisch von staatlichen Instanzen zur Kenntnis genommen?


- Welche staatlichen Instanzen waren für die Überwachung entsprechender Aktivitäten und für die Sanktionierung entsprechender Praktiken bzw. Akteure zuständig?
Kontakt:
Dr. Ina Schmied-Knittel
Dr. Michael Schetsche
Andreas Anton
Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e.V. Wilhelmstraße 3a 79098 Freiburg i.Br. Deutschland
E-Mail: ddr-projekt@igpp.de
Telefon: +49 (0)761 20721 19 Projekthomepage: www.okkulte-ddr.de

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