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Dienstag, 21. September 2010

Grab von Englands letztem Sündenesser restauriert

Auf dieser historischen Darstellung wird dem "Sündenesser" am offenen Sarg das Essen gereicht | Copyright: Public Domain

Ratlinghope/ England - Nach aufwendiger Restaurierung wurde vergangene Woche das Grab des letzten englischen "Sin-Eater", eines sogennanten "Sündenesser" in der englischen Grafschaft Shropshire mit einem Gottesdienst auf dem Friedhof erneut geweiht. Das bizarre Brauchtum der "Sin-Eater" geht wahrscheinlich auf heidnische Vorstellungen zurück, wurde jedoch in England und anderswo noch bis in 19. Jahrhundert praktiziert.

In der Regel waren die Sündenesser arme Menschen und Bettler, die gegen Bezahlung an der aufgebahrten Leiche Brot aßen, Wein tranken und hinzu durch eine kurze Rede am Grab so die Sünden des Verstorbenen auf sich nahmen, wenn dieser vor seinem Ableben nicht mehr die Möglichkeit hatte, seine Sünden zu beichten.

Das Grab auf dem Friedhof in Ratlinghope stellt jedoch eine interessante Ausnahme dar, handelte es sich bei dem Sündenesser Richard Munslow doch nicht um eine verarmte Person, sondern um einen angesehenen lokalen Farmer, der selbst 1906 verstarb und auf dem Friedhof beigesetzt worden war.

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Von der Kirche über Jahrhunderte immer wieder missbilligend geduldet, verschwand das wahrscheinlich auf heidnische Wurzeln zurückgehende Brauchtum in England mit Ende des 19. Jahrhunderts gänzlich.

Aus historischen Aufzeichnungen geht zudem hervor, dass der "Sin-Eater" oft sozial ausgestoßene Personen waren, denen auch Hexenkunst und Kontakt zu bösen Geistern nachgesagt wurde und die nur dann ins Dorf gerufen wurden, wenn ihre Dienste als Sündenesser gefragt waren. In seinem Buch "Funeral Customs " (Beerdigungsbräuche) von 1926 erläutert Bertram S. Puckle zudem, dass nach dem Mahl des "Sin-Eaters" dessen hölzerner Teller, Becher und Besteck verbrannt oder dem Toten mit ins Grab gegeben wurde.

Auch außerhalb England hatten sich vergleichbare Bräuche noch lange Zeit, teilweise sogar bis ins 20. Jahrhundert erhalten. In Bayern, so berichtet es das "Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens" (1927-42), "war es Sitte, Teig zum Aufgehen auf die Leiche zu legen und nachher daraus 'Leichennudeln' oder Küchlein für die Gäste zu verfertigen". Auf dem Balkan, so berichtet die "Encyclopaedia Britannica" noch 1911, wurden Darstellungen des Verstorbenen aus Brotteig verzehrt. Von den Niederlanden aus verbreitete sich die Tradition der "Doed-Koecks" (Totenkuchen) auf welchen die Initialen des Verstorbenen aufgebracht im 17. Jahrhundert bis nach New York, wo sie den Beerdigungsgästen mit nach Hause gegeben wurden. "Burials-Cakes" (Begräbniskuchen) haben auch heute noch in den englischen Grafschaften Lincolnshire und Cumberland ihre Tradition, von welchen Historiker vermuten, dass auch sie auf das "Sünden-Essen" zurückgehen. Eine Verbindung zum europaweit und darüber hinaus verbreiteten Leichenschmaus sehen Forscher hingegen nicht. Zwar geht auch dieser Brauch wohlmöglich auf vorgeschichtliche Traditionen zurück, hat jedoch primär das symbolische Ziel, zu verdeutlichen, dass das Leben der Hinterbliebenen auch nach dem Tod weitergeht den Verstorbenen noch einmal durch gemeinsames positives Erinnern zu ehren und die Hinterbliebenen abzulenken und zu trösten.

Die Restaurierung des Grabsteins in Ratlinghope ist für den örtlichen Reverend Norman Morris allerdings kein Anlass, an die alte Tradition erneut anzuknüpfen. Vielmehr handele es sich bei dem Grab sei ein ebenso zeitgeschichtliches wie kirchenhistorisches Zeugnis, zitiert ihn die BBC.

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Quellen: grenzwissenschaft-aktuell.de / bbc.co.uk
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