Rekonstruktion eines Homo erectus im Westfälischen Museum für Archäologie, Herne | Copyright: Lillyundfreya / GNU FDLHamburg/ Deutschland – Der renommierte Archäologe Professor Dr. Helmut Ziegert vom Archäologischen Institut der Universität Hamburg stellt die bisherige Datierung der Geschichte der Menschwerdung um nicht weniger als 400.000 Jahre in Frage und behauptet, in Nordafrika Beweise für eine permanente Sesshaftwerdung des Homo erectus gefunden zu haben.
Der Homo erectus zählt zu den frühen Vorfahren des modernen Menschen und lebte vor etwa 1,85 Mio. Jahren bis vor ca. 40.000 Jahren vor allem in Nordafrika, China und auf Java. Bislang geht die Wissenschaft davon aus, dass er erst vor rund 10.000 Jahren das Leben als nomadisierender Jäger und Sammler aufgab und mit Ackerbau und Viehzucht sesshaft wurde.
Ziegert, präsentiert nun jedoch Beweise, welche diesen wichtigen sozio-kulturellen Schritt in der Entwicklung hin zum modernen Menschen, um 400.000 Jahre vordatieren. In Nord- und Südafrika – etwa im lybischen Budrinna und Melka Konture in Äthiopien - fand Ziegert Überreste von Steinhütten und Werkzeugen, die vom „aufrechten Menschen“ erbaut worden und zu Jagd und Fischfang genutzt worden sein sollen. Diese Funde, so Ziegert in seinem zukünftigen Artikel in der archäologischen Fachzeitschrift „Minerva“ deuten auf ein sozialen Zusammenleben von bis zu 50 Personen und Akerbau an diesen Orten hin. Das Alter dieser Artefakte hat Ziegler anhand der der Potassium-Argon-Datierung nachgewiesen.
Doch Ziegert Schlussfolgerungen, so berichtet die englische Tageszeitung „The Times“, sorgt selbstverständlich in der Fachwelt für kontroverse Diskussionen.
Sean Kingsley vom Fachmagazin „Minerva“, in welcher Ziegerts Artikel veröffentlicht wird, zeigt sich überzeugt: „Diese Forschungsergebnisse sind nichts weniger als ein Quantensprung im Verständnis über die Geschichte der intellektuellen und sozialen Entwicklung des Menschen. Für die Archäologie ist sie so radikal wie die Entdeckung von Leben aus dem Mars. (...) Als ein Veteran mit der Erfahrung von über 81 archäologischen Ausgrabungen ist Ziegert wissenschaftlich sehr sorgfältig und vorsichtig. Doch gerade das, macht seine Enthüllungen umso faszinierender.“
Andere Kollegen sehen das deutlich anders und kritisieren, wie etwa Paul Pettitt von der Universität Sheffield, Paul Bahn oder Nick Barton von der Oxford Universität, angebliche fehlender Beweise für Zieglers Datierung oder dessen Interpretation und Einordnung der Funde. Selbst die Frage, ob es sich bei den „Hütten“ nicht vielleicht sogar um natürliche Strukturen handeln könne, die von den Frühmenschen nur kurzfristig oder als Übergangslager während der Wanderschaft genutzt wurden, wird diskutiert. Ziegert liefere keine Beweise, dass der homo erectus an diesen orten länger als nur einige Tage oder höchsten Wochen verweilt habe.
Nach Jahrzehnten der Feldforschung ist sich Ziegert seiner Sache jedoch mehr als sicher und glaubt, dass auch zukünftige Entdeckungen seine Theorie bestätigen werden. Schon jetzt plant er weitere auf vier Jahre angesetzte Ausgrabungen in Budrinna und Melka Konture.
Quelle: timesonline.co.uk / minervamagazine.com
