Montag, 12. Oktober 2009

Grabtuch-Reproduktion: Experte übt Fachkritik

Das Turiner Grabtuch: Gesichtspartie des Originals | Copyright: Public Domain

Florissant/ USA - Erwartungsgemäß hat die Reproduktion des sogenannten Turiner Grabtuchs (...wir berichteten), das eine fotoartige Abbildung des gekreuzigten Jesus Christus zeigen soll, mit Hilfe mittelalterlicher Materialien und Methoden sowohl unter Gläubigen, unter Wissenschaftlern und in den Medien die Debatte um die Reliquie erneut entfacht. Auch Fotograf und Grabtuchforscher Barrie Schwortz hat die Ereignisse kommentiert.

Schwortz selbst war der offizielle Fotograf des "Shroud of Turin Research Projects", das 1978 das Leinen zum ersten Mal wissenschaftlichen Analysen unterzogen hatte und ist immer noch durch seine Internetseite "Shroud.com" an der weiterführenden Erforschung des Grabtuchs von Turin beteiligt.

In seiner Reaktion auf die Veröffentlichung der Arbeit zeigt sich Schwortz "kaum überrascht von der Tatsache, dass so kurz vor der erneuten öffentlichen Ausstellung des Grabtuchs in rund sechs Monaten, von skeptischer Seite eine solche Arbeit veröffentlicht wurde. "Ähnliches hat es fast immer gegeben, bevor das Tuch ausgestellt wurde und immer hat derartiges zu einer intensiven Medienberichterstattung geführt. (...) Auch im aktuellen Fall ist dies nicht anders: Irgendjemand tritt hervor, behauptet das Grabtuch 'reproduziert' und damit 'bewiesen' zu haben, dass es sich um eine mittelalterliche Fälschung handelt."

Im aktuellen Fall jedoch, so Schwortz, wurden die Behauptungen mittels einer Pressemitteilung veröffentlicht, die umgehend ein weltweites Medienecho fand. "Allerdings ist dies keine angemessene wissenschaftliche Vorgehensweise. Der Autor erklärte hinzu nach der Pressemitteilung, er werde alle Details 'nächste Woche' zugänglich machen. In der Welt der Wissenschaft muss ein Forscher jedoch für gewöhnlich zunächst seine wissenschaftlichen Experimente durchführen, die Daten zusammentragen, daraus seine Schlussfolgerungen ziehen, einen wissenschaftlichen Artikel verfassen und diesen einer Fachzeitschrift zur Expertenbegutachtung (Peer Review) vorlegen, wo dann über die Qualität entschieden und der Artikel im besten Fall veröffentlicht oder aber abgelehnt wird. Die Daten müssen also eine einwandfreie Grundlage für die Behauptungen der Schlussfolgerung darstellen und das von Anfang an - nicht erst 'kommende Woche' und ganz bestimmt nicht durch die Veröffentlichung der Arbeit via Pressemitteilung."

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Wer sich dennoch den Artikel des Autors (Anm. d. Red.: Luigi Garlaschelli von der Universität Pavia) durchlese, so Schwortz weiter, stelle sehr schnell fest, dass dieser "nur sehr wenig über das eigentliche Grabtuch von Turin weiß".

Schließlich sei Garlaschelli nicht der erste, der vorschlage, dass das Grabtuch mittels Ockerpigmente (Eisoxide) erzeugt wurde: "Tatsächlich ist innerhalb der vergangenen 30 Jahre mindestens schon der vierte Wissenschaftler, der diese Theorie präsentiert. Und natürlich wurde diese Theorie auch schon von den Experten des 'Shroud of Turin Research Projects' (STURP) im Jahre 1978 und weiteren nachfolgenden Untersuchungen als mögliche Erklärung erörtert. Alle diese Tests kamen zu dem Schluss, dass auf dem Leinen nicht genügend Eisenoxid verblieben war um es überhaupt noch selbst mikroskopisch nachzuweisen und Eisenoxid somit nicht für das Bild auf dem Grabtuch verantwortlich sei. Die Experten bestimmten zudem, dass jene Flächen des Tuchs, die das Abbild aufzeigen, nicht mehr Anteile von Eisenoxid aufweisen, wie die unbelegten Flächen des Leinens, diese Spuren also mehr oder weniger gleichmäßig über das ganze Tuch verteilt sind."

Wäre das Original also auf die von Garlaschelli angewandte Art und Weise erstellt worden, wäre mit einem Tausendfachen dieser Partikel in jenen Tuchflächen zu rechnen, welche die Abbildung zeigen und diese wären auch heute noch relativ deutlich unter dem Mikroskop zu erkennen. "Die mikroskopische Analyse von 1978 zeigte jedoch keinerlei solche Spuren im oder auf dem Gewebe. Und diese Partikel verschwinden auch nicht einfach so von selbst. Die Instrumente der STURP-Untersuchungen waren noch in der Lage, entsprechende Partikel noch in kleinsten Quantitäten von Teilen pro Million (parts per million) nachzuweisen. Dennoch konnten sämtliche bekannten Farben und Pigmente (darunter auch Eisenoxid) ausgeschlossen werden."

Interessanterweise handelt es sich bei Eisenoxid auch um ein Nebenprodukt, welches durch das sogenannte Rotten des Leinen entsteht, womit auch die gleichmäßig im Leinen verteilten in kleinsten Mengen nachweisbaren Anteile erklärt werden könnten. "Zudem weist Eisenoxid, wie es für roten Ocker verwendet wird, zahlreiche Verunreinigungen auf und wird nur sehr selten in seiner reinen Form gefunden."

Positiv- (l.) und Negativansicht (r.) der Kopfpartie des Turiner Grabtuches | Copyright: Public Domain

Schwortz hat bereits mehrmals in der Öffentlichkeit erklärt, dass es relativ einfach ist und war, Abbildungen auf Leinen zu erstellen. Dennoch sei das Erstellen eines Abbildes mit denselben chemischen und physikalischen Eigenschaften wie das Abbild auf dem Turiner Grabtuch eine ganz andere Frage.

"Angesichts der Unmengen wissenschaftlicher Daten, die mittlerweile über das Turiner Grabtuch vorliegen, sollte jeder, der [wie aktuell Garlaschelli] derartige Behauptungen aufstellt, die Ergebnisse seiner Arbeit zunächst einer sorgfältigen wissenschaftlichen Überprüfung und vergleichenden Analyse unterziehen lassen, bevor er derart dramatische Schlussfolgerungen zieht. Dies ist in diesem Fall nicht geschehen. Jeder, der derartige Behauptungen aufstellt, muss ein Abbild mit allen den selben chemischen und physikalischen Eigenschaften wie das originale Grabtuch erzeugen, und nicht nur einige davon reproduzieren, wenn er ernst genommen werden will."

Schwortz verweist des Weiteren darauf, dass die Blutspuren auf dem Original durch direkten Kontakt mit einem Körper in das Leinentuch gelangt seien und forensisch korrekt den entsprechenden Wunden entsprechen. Zudem könne nachgewiesen werden, dass die Spuren auf und in das Tuch gelangt seien, noch bevor das Abbild des gekreuzigten Mannes darauf entstand, da das Blutserum an den entsprechenden Stellen den Entstehungsprozess des Abbildes gehemmt hatte und es kein Abbild unter den Blutspuren auf den Grabtuch gebe.

Angesichts der aktuellen Reproduktion seien die Blutspuren jedoch "nach" der Erzeugung des Abbildes auf das Tuch aufgetragen worden - eine Vorgehensweise, die, so Schwortz, "natürlich erheblich einfacher ist, will man die Blutspuren forensisch korrekt um Wunden auf dem Körperabbild herum aufbringen. Doch genau umgekehrt hätte der postulierte mittelalterliche Fälscher tun müssen, wenn er die tatsächlichen physikalischen Eigenschaften des Grabtuches herstellen hätte wollen."

Zudem zeigen zahlreiche Blutspuren auf dem Original Grabtuch einen Kranz aus Blutserum, wie er nur unter ultravioletten, fluoreszierendem Licht zu sehen ist. Hinzu sei das Blut aus dem Turiner Grabtuch als echtes Blut analysiert worden, ohne dabei Spuren von Pigment (wie es von Garlaschelli für die Blutspuren verwendet wurde) darin zu finden.

"Eine saubere, detaillierte und wissenschaftliche Antwort auf die aktuelle Reproduktion wird derzeit von der 'Shroud Science Group' erarbeitet und soll sobald wie möglich veröffentlicht werden", so Schwortz, der zudem hofft, schon bald weitere Kommentare von Grabtuch-Experten zu Garlaschellis Reproduktionsversuch auf seiner Seite "Schroud.com" veröffentlichen zu können.

Abschließend bemerkt Schwortz zudem, dass er die Erklärung, wonach Garlaschellis Arbeit von der italienischen Vereinigung der Atheisten und Agnostiker finanziell unterstützt worden sei, dieser Umstand jedoch keinerlei Einfluss auf das Ergebnis der Arbeit gehabt habe, höchst interessant findet: "Dies ist eine interessante Aussage von jemandem, der eine Fraktion der skeptischen Gemeinschaft vertritt, die selbst immer wieder den STRUP-Wissenschaftler religiöse Befangenheit vorwirft und unterstellt, dass die gesammelten Daten beeinflusst seien, da einige der STRUP-Mitglieder Christen seien."

Bis die Daten der aktuellen Reproduktion des Grabtuchs durch Garlaschelli nicht in sachgemäß wissenschaftlicher Form überprüft und mit jenen des Originals verglichen werden können, könne er, so Schwortz, diese Arbeit nicht wirklich ernst nehmen.


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