Mittwoch, 19. Mai 2010

Internationale Studie zu Krebsrisiko durch Mobilfunk liefert kontroverses Ergebnis

Risiko durch Mobilfunk? | Copyright: grenzwissenschaft-aktuell.de

Lyon/ Frankreich - Die bislang umfangreichste internationale Studie über mögliche Krebsrisiken durch Mobilfunktelefone hat kontroverse Ergebnisse erbracht. Obwohl die Studie keine eindeutigen Beweise für ein erhöhtes Krebsrisiko durch den normalen Gebrauch von Mobilfunktelefonen aufzeigen konnte, verweisen die Daten auf mögliche Risiken bei extremen Langzeit- und Vieltelefonierern. Schon kurz nach Veröffentlichung der Studie ist nun internationale eine Debatte um die Interpretation der Ergebnisse entbrannt.

Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen über Tumore im Kopfbereich in Beziehung zum Gebrauch von Mobilfunktelefonen hat die "Interphone Study Group" der "International Agency for Research on Cancer" (IARC) aktuell im Fachmagazin "International Journal of Epidemiology" veröffentlicht.

Insgesamt wurden mehr als 10 Jahre lang 2708 Patienten mit Gliom- und 2409 Patienten mit Meningeom-Tumoren im Hirn, sowie 7.658 gesunde Kontrollpersonen in 13 Ländern (Australien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Israel, Italien, Japan, Kanada, Neuseeland, Norwegen und Schweden) in Verbindung zu den von den Teilnehmern beschriebenen Mobiltelefoniergewohnheiten anhand eines gemeinsamen Protokolls untersucht. Die Studie konzentrierte sich auf vier Arten von Tumoren im Kopfbereich, die dafür bekannt sind, am meisten der von Mobiltelefongeräten abgegebenen elektromagnetischen Strahlung zu absorbieren. Ziel war es, herauszufinden, ob die Nutzung von Mobiltelefonen das Risiko, an diesen Tumoren zu erkranken erhöht.

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Die Ergebnisse der Studie fasst die Interphone-Gruppe wie folgt zusammen: 10 Jahre nach der ersten Verwendung eines Mobiltelefons, fanden sich keine Hinweise auf eine erhöhtes Tumorrisiko bei regelmäßigen Normaltelefonierern.

Berücksichtigte man jedoch die gesamte Nutzungsdauer in Stunden, so zeigte sich bei den allerstärksten Nutzern, also rund fünf Prozent der Studienteilnehmer, ein erhöhtes Risiko, an einem Gliom zu erkranken, und zwar insbesondere dann, wenn das Mobiltelefon bevorzugt an die vom Gliom betroffene Kopfseite gehalten wurde.

"Ob für diese Personen das Risiko, an einem Hirntumor zu erkranken, tatsächlich erhöht ist, lässt sich allerdings nicht sagen, denn die Ergebnisse könnten auch durch methodische Probleme entstanden sein", erläutert Professorin Maria Blettner, Mitglied der "Interphone Study Group" und Direktorin des "Instituts für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik" (IMBEI) an der "Johannes Gutenberg-Universität" Mainz.

Die entsprechenden Werte beruhen also nicht auf Fallzahlen und teilweise nicht plausiblen Angaben zur Handynutzung. "Möglicherweise neigen Menschen mit einem Gehirntumor dazu, ihren zurückliegenden Mobiltelefongebrauch zu überschätzen", vermuten die Forscher. Auch stieg das Risiko zu erkranken nicht, wie zu erwarten wäre, mit zunehmender Stundenzahl kontinuierlich an. Stattdessen war es nur für die kleine Gruppe der extremen Vieltelefonierer erhöht.

Bei heutigen Handys ist die Strahlenexposition (SAR-Wert) heute deutlich geringer als noch vor zehn bis 20 Jahren, daher gehen die Wissenschaftler davon aus, dass das Risiko heute eher geringer ist als damals. "Die Interphone-Studie hat gezeigt", so Blettner, "dass für einen Erwachsenen eine durchschnittliche Nutzung des Handys kein erhöhtes Hirntumorrisiko bedeutet." Ob Menschen, die besonders lange und häufig mit ihrem Handy telefonieren, gefährdet sind, an einem Gliom zu erkranken, müsse nun weitere Forschung klären, unterstreicht hingegen das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

Unmittelbar nach der Veröffentlichung der Studie regte sich auch schon erste Kritik, unter anderem an deren Aufbau. So bemerkt etwa der "New Scientist", dass in die Untersuchung nicht Fakten, sondern Erinnerungen der Befragten eingeflossen seien, wenn es etwa um die Ermittlung der Telefoniergewohnheiten ging. Weitere Kritik konzentriert sich an der angeblich unklaren Interpretation von in der Studie verwendeten Begriffen wie "regelmäßiger Handynutzer".

Kritik wurde vereinzelt auch an der Finanzierung der Studie laut. Wurden doch die Gesamtkosten von 19,2 Millionen Euro zu 5,5 Millionen aus Quellen der Industrie getragen. Von diesen 5,5 Millionen stammen 3,5 Millionen direkt vom "Forum der Mobilfunkindustrie" (Mobile Manufacturers' Forum, MMF) und der weltweiten Industrievereinigung der GSM-Mobilfunkanbieter "GSM Association". Derartige Kritik will die Interphone-Gruppe allerdings nicht gelten lassen und verweist auf sogenannte "Firewall"-Mechanismen, die von der "Internationalen Vereinigung gegen Krebs" (Union internationale contre le cancer, UICC) zur Verfügung gestellt wurden, um eine Beeinflussung der Ergebnisse auszuschließen und die Unabhängigkeit der beteiligten Wissenschaftler zu garantieren.

Andere Kritiker bemerken, dass sich die Studie lediglich auf Krebstumore in der Kopfregion konzentriert und andere mögliche Auswirkungen der sogenannten Handystrahlung auf den menschlichen Körper und Geist nicht ebenfalls untersucht wurden.

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